Agentische KI bis 2031
Salesforce, ServiceNow, Shopify
Die agentische KI verändert die Softwareökonomie nicht, indem sie Unternehmensplattformen pauschal ersetzt. Ihre eigentliche Wirkung liegt tiefer, weil sie die Frage verschiebt, wofür Unternehmen künftig zahlen, wo Plattformen ihre Bindungskraft behalten und welche bisher gebündelten Funktionen aus der zentralen Architektur herausgelöst werden können.
Damit verändert sich die Bewertungsgrundlage der Plattformökonomie. Entscheidend ist nicht mehr allein, wie viele Nutzer eine Softwareoberfläche bedienen, sondern ob eine Plattform weiterhin die Datenordnung, die Prozessverbindlichkeit und die wirtschaftliche Orchestrierung kontrolliert, aus denen ihre Preissetzungsmacht hervorgeht. Genau an dieser Stelle unterscheiden sich Salesforce, ServiceNow und Shopify.
I. Die alte Plattformlogik
Die großen Softwareplattformen haben ihre ökonomische Stärke über Jahre daraus entwickelt, dass sie betriebliche Komplexität verringerten. Sie bündelten Daten, standardisierten Prozesse, sicherten Zugriffsrechte, schufen gemeinsame Arbeitsoberflächen und machten Abläufe innerhalb größerer Organisationen berechenbarer. Aus dieser Funktion entstand eine Plattformprämie, weil Kunden nicht für einzelne Softwarefunktionen zahlten, sondern für eine integrierte Umgebung, deren Wechsel mit Kosten, Risiken und organisatorischem Aufwand verbunden war.
Diese Logik war besonders stark, solange die menschliche Arbeit über klar abgegrenzte Benutzeroberflächen organisiert wurde. Der Mitarbeiter griff auf die Plattform zu, bearbeitete Vorgänge, pflegte Daten, löste Prozesse aus und dokumentierte Ergebnisse. Die Plattform konnte diese Struktur monetarisieren, weil die Nutzung, die Lizenz und die organisatorische Einbettung eng miteinander verbunden waren.
Agentische KI löst diese Verbindung nicht vollständig auf. Sie verändert jedoch die Bedingungen, unter denen sie ökonomisch trägt. Sobald digitale Agenten Aufgaben selbstständig ausführen, Anwendungen verbinden, Daten auswerten und Entscheidungen vorbereiten, wird fraglich, ob die bisherige Nutzerlogik weiterhin den tatsächlichen Wert der Plattform abbildet.
II. Der Wandel der Ertragsmechanik
Agentische KI unterscheidet sich von früheren Automatisierungsformen, weil sie nicht nur einzelne Arbeitsschritte beschleunigt. Sie kann Abläufe über mehrere Systeme hinweg verfolgen, Zwischenergebnisse bewerten, Schnittstellen bedienen und operative Entscheidungen vorbereiten. Dadurch entsteht ein neuer Maßstab für Softwareplattformen.
Eine Plattform bleibt stark, wenn sie nicht nur eine Oberfläche bereitstellt, sondern die Ordnung sichert, innerhalb derer Agenten verlässlich handeln können. Dazu gehören der Datenzugriff, die Rechteverwaltung, die Protokollierung, die Governance und die organisatorische Prozessverbindlichkeit. Wo diese Funktionen tief in die Unternehmensarchitektur eingebettet sind, kann agentische KI den Wert der Plattform sogar erhöhen.
Anders liegt der Fall dort, wo die Plattform vor allem Funktionen bündelt, die künftig auch durch KI-gesteuerte Diensteketten verbunden werden können. Dann gerät die Plattformbindung unter Druck, weil der Kunde zwar weiterhin digitale Leistung benötigt, diese Leistung aber nicht mehr zwingend aus einer zentralen Plattform beziehen muss.
Aus dieser Unterscheidung ergeben sich drei Bewährungsfälle.
III. Salesforce
Die Nutzerlizenz unter Anpassungszwang
Salesforce bleibt als Plattform für das Management von Kundenbeziehungen funktional wichtig. Kundendaten, Vertriebsprozesse, Servicehistorien, Zugriffsrechte und dokumentierte Interaktionen verschwinden nicht, sobald agentische Systeme einzelne Arbeitsschritte übernehmen. Größere Organisationen benötigen weiterhin eine geordnete Datenbasis, auf der Vertrieb, Service, Marketing und Analyse aufbauen können.
Der kritische Punkt liegt daher nicht in der Existenz der Plattform, sondern in ihrer Monetarisierung. Das klassische Lizenzmodell beruhte wesentlich darauf, dass menschliche Nutzer die Oberfläche bedienten. Wenn agentische Systeme künftig Anfragen bearbeiten, Leads priorisieren, Kundendaten aktualisieren oder Servicevorgänge vorbereiten, sinkt der unmittelbare Bedarf an manueller Interaktion. Der wirtschaftliche Nutzen der Plattform kann steigen, während die bisherige Grundlage der Abrechnung schwächer wird.
Für Salesforce wird deshalb entscheidend, ob die agentische Nutzung in ein neues Erlösmodell überführt werden kann. Die Plattform muss zeigen, dass sie nicht nur weniger menschliche Arbeit ermöglicht, sondern aus dieser Automatisierung auch eigene, wiederkehrende und margenwirksame Erlöse ableiten kann. Der Kapitalmarkt wird daher weniger auf die Ankündigung neuer KI-Funktionen achten als auf die Frage, ob aus ihnen eine stabile Umsatzqualität entsteht.
IV. ServiceNow
Der Wert verbindlicher Prozesssteuerung
ServiceNow steht für einen anderen Fall. Die Plattform ist nicht primär als interaktionsnahe Oberfläche entstanden, sondern als Steuerungsschicht für Prozesse, Zuständigkeiten, Eskalationen und Dokumentation. Ihr Ursprung im IT-Service-Management hat eine Architektur hervorgebracht, die auf Nachvollziehbarkeit und formale Prozessordnung ausgerichtet ist. Diese Logik wurde auf Personalprozesse, Sicherheitsvorfälle, Finanzfreigaben und bereichsübergreifende Workflows ausgeweitet.
Gerade deshalb wirkt agentische KI hier anders. Wenn die Automatisierung zunimmt, sinkt zwar der Anteil manueller Bearbeitung. Zugleich steigt jedoch der Bedarf an klaren Regeln, Verantwortlichkeiten und revisionsfähiger Dokumentation. Je schneller Prozesse laufen, desto wichtiger wird die Ordnung, die festlegt, wer zuständig ist, wann ein Vorgang eskaliert, welche Entscheidung protokolliert wird und wie ein Eingriff später nachvollzogen werden kann.
ServiceNow profitiert also nicht automatisch von agentischer KI, aber die Plattform besitzt eine strukturelle Nähe zu den Anforderungen, die automatisierte Unternehmensprozesse erzeugen. Dort, wo KI nicht nur Aufgaben erledigt, sondern in bestehende Organisationen eingebettet werden muss, gewinnt die institutionelle Prozesssteuerung an Bedeutung.
Kapitalmarktlich ist dieser Unterschied wesentlich. Während bei interaktionsnaher Software die sinkende Zahl menschlicher Nutzer das Lizenzmodell belastet, kann bei ServiceNow der wachsende Prozessumfang die Plattformstellung stützen. Die zentrale Frage lautet daher, ob das Unternehmen die steigende Automatisierung in zusätzliche, wiederkehrende Erlöse übersetzen kann, ohne dass die klassische Lizenzbasis überproportional erodiert.
V. Shopify
Die offene Orchestrierungsfrage
Shopify zeigt den härteren Entbündelungsfall. Die Plattform bündelt Hosting, Checkout, Zahlungsabwicklung, Versand, steuerliche Funktionen, Marketinganbindungen und Analysewerkzeuge zu einem System, das vor allem kleinen und mittleren Händlern operative Komplexität abnimmt. Aus dieser Vereinfachung entsteht die Plattformbindung.
Agentische KI verändert diese Logik, weil viele Elemente des E-Commerce technisch modularer sind als die Prozesse großer Unternehmensorganisationen. Shops können erzeugt, Schnittstellen angebunden, Kampagnen getestet, Preise angepasst und Logistikdienste koordiniert werden. Wenn KI-Systeme diese Aufgaben zunehmend über spezialisierte Dienste hinweg steuern, verliert die zentrale Plattform einen Teil ihrer bisherigen Selbstverständlichkeit.
Damit ist Shopify nicht obsolet. Für viele Händler bleibt eine integrierte Lösung attraktiv, weil sie Einfachheit, Verantwortlichkeit, Zahlungsabwicklung und operative Sicherheit bietet. Doch im wachstumsstarken oberen Segment wird die Frage schärfer, ob die Orchestrierung weiterhin innerhalb der Shopify-Architektur verbleibt oder ob agentische Systeme einzelne Wertschöpfungsbestandteile außerhalb der Plattform verbinden.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zu ServiceNow. Während dort die Automatisierung den Bedarf an verbindlicher Prozessordnung erhöhen kann, trifft sie bei Shopify auf ein Umfeld, das stärker modularisiert und weniger institutionell gebunden ist. Die Plattform muss daher beweisen, dass sie auch unter Bedingungen zunehmender Entbündelung die zentrale wirtschaftliche Stellung im Händlergeschäft behauptet.
VI. Die kapitalmarktliche Frage
Für den Kapitalmarkt entsteht daraus ein veränderter Blick auf Software- und Plattformunternehmen. Die einfache Frage, ob ein Unternehmen KI einsetzt, reicht nicht aus. Maßgeblich wird, welche Ertragsmechanik durch agentische KI verändert wird.
Bei Salesforce steht die nutzerbezogene Lizenzlogik unter Anpassungsdruck. Bei ServiceNow entscheidet die Fähigkeit, wachsende Prozessautomatisierung in zahlungspflichtige Steuerungsleistung zu überführen. Bei Shopify geht es darum, ob die Plattform ihre Rolle als zentrale Orchestrierungsinstanz im E-Commerce behält oder ob ein größerer Teil der Wertschöpfung in KI-gesteuerte Diensteketten abwandert.
Damit verschiebt sich die Bewertung von der Oberfläche zur Ertragsqualität. Eine Plattform ist nicht deshalb stark, weil sie viele Funktionen anbietet. Sie bleibt kapitalmarktrelevant, wenn sie die Kontrollpunkte hält, an denen Datenzugriff, Prozessverbindlichkeit, Verantwortung und Zahlungsbereitschaft zusammenfallen. Agentische KI legt diese Kontrollpunkte offen.
Schlussbefund
Die agentische KI führt nicht zum Ende der Plattformökonomie. Sie erzwingt jedoch eine genauere Unterscheidung ihrer Machtgrundlagen. Plattformen bleiben stark, wenn sie Verantwortung bündeln, die Datenordnung sichern, Prozesse verbindlich steuern und wirtschaftliche Orchestrierung dauerhaft kontrollieren. Sie geraten unter Rechtfertigungsdruck, wenn ihre bisherige Stärke vor allem aus der Bündelung von Funktionen entstand, die künftig auch außerhalb der Plattform koordiniert werden können.
Salesforce, ServiceNow und Shopify zeigen diese Verschiebung in drei unterschiedlichen Formen. Salesforce muss seine Erlösbasis an eine Welt anpassen, in der menschliche Nutzer nicht mehr der alleinige Maßstab der Wertschöpfung sind. ServiceNow kann von der wachsenden Bedeutung institutioneller Prozesssteuerung profitieren, sofern die Automatisierung auch monetarisierbar bleibt. Shopify steht vor der offenen Frage, ob die Plattform ihre Orchestrierungsfunktion behauptet, wenn der E-Commerce durch agentische Systeme stärker modularisiert wird.
Die offene Analyse zeigt damit die drei Grundfälle. Die vertiefende Premiumfassung „Agentic AI 2031“ entwickelt daraus einen kapitalmarktnahen Prüfrahmen für die Bewertung von Software- und Plattformunternehmen bis 2031.
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