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Faust 2.0 - Der Pakt mit der KI

Faust im KI-Zeitalter

Die menschliche Ordnung der technischen Versuchung


Faust im KI-Zeitalter | Dr. Wrede & Partner

I. Faust II als Drama der Weltbemächtigung

Der Weg des Gelehrten in den Maschinenraum der Welt


Goethes Faust II liest sich im Zeitalter der künstlichen Intelligenz wie ein Drama der technischen Weltbemächtigung. Der zweite Teil zeigt nicht mehr nur den Gelehrten, der an den Grenzen des Wissens verzweifelt. Er zeigt den Menschen, der Wissen in Macht verwandelt. Faust bleibt nicht im Studierzimmer. Er tritt in die Welt hinaus, wirkt am Hofe, berät den Kaiser, beteiligt sich an der Erzeugung von Geld, greift in den Krieg und die Herrschaft ein, plant Räume, gestaltet Landschaften und träumt von Verhältnissen, in denen das Eigentum an Grund und Boden neu geordnet wird.

Faust wird damit zu einer Figur der technischen Moderne. Sein Verlangen richtet sich auf die Erkenntnis der Welt und auf ihre Gestaltung. Der alte Wunsch, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, verwandelt sich in den Willen, die Welt nach Maßgabe menschlicher Absicht zu richten. Faust will nicht mehr nur wissen. Er will wirken.

Die Magie des ersten Teils erhält im zweiten Teil eine andere Gestalt. Sie bleibt Verführung, wird aber zugleich Methode. Mephisto verschafft Faust Zugang zu den Räumen der Macht, stellt ihm die Mittel der Verführung bereit, beschleunigt die Erfüllung seiner Wünsche und verleiht seinem Willen Wirkung in der Welt. Seine Rolle erschöpft sich nicht in der Versuchung. Mephisto ist die operative Form, in der Fausts Wille zur Gestaltung der Welt wirksam wird.

Genau darin liegt die Gegenwart dieses Stoffes. Die künstliche Intelligenz erfüllt heute Leistungen, die frühere Zeiten der Magie, der Inspiration, dem Orakel oder der dämonischen Hilfe zugerechnet hätten. Sie antwortet, entwirft, übersetzt, simuliert, berechnet, schreibt, komponiert, plant und prognostiziert. Sie tritt als sprechendes Werkzeug auf und beginnt doch, die alte Ordnung des Werkzeugs zu überschreiten. Sie wird zum Dialogpartner, Spiegel, Verstärker und Mitakteur menschlicher Weltgestaltung. 

Faust ist deshalb nicht nur eine Gestalt der klassischen Dichtung, sondern ein Deutungsbild des technisch ermächtigten Menschen. Die künstliche Intelligenz setzt diese Bewegung fort. Sie führt den Menschen aus dem Raum der Betrachtung in den Maschinenraum der Welt.


II. Mephisto als Methode

Die technische Ordnung der Wünsche


Mephisto erscheint bei Goethe als Figur, in der das Böse Gestalt annimmt und zugleich als Mittel der Verneinung sichtbar wird. Er spricht aus, was der Mensch an der Welt nur ungern wahrhaben will: dass alles Gewordene der Auflösung entgegengeht, dass jede Gestalt ihre Grenze in sich trägt und dass die Verneinung nicht außerhalb der Schöpfung steht, sondern in ihre Bewegung eingeschrieben ist. Wenn Mephisto sich als „ein Teil von jener Kraft“ bezeichnet, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, dann spricht daraus die dunkle Logik der Geschichte.

Seine eigentliche Macht liegt daher nicht in der schieren Destruktion. Mephisto zerstört, indem er Möglichkeiten eröffnet. Er verführt, indem er erfüllt. Er löst Bindungen, entgrenzt Wünsche, beschleunigt Entscheidungen und führt Faust in Räume, deren Schwellen dieser selbst überschreitet. In dieser Kunst liegt seine Modernität. Mephisto zwingt nicht; er nimmt den Menschen bei dem, was dieser längst begehrt, und macht aus dem Begehren ein Verfahren.

Von hier aus gewinnt die künstliche Intelligenz ihre mephistophelische Nähe. Sie begehrt nicht im menschlichen Sinne, sie liebt nicht, sie hasst nicht, sie sündigt nicht. Doch sie kann menschliche Wünsche erkennen, ordnen, verstärken und in Handlungsmöglichkeiten übersetzen. Sie gibt Antworten, bevor der Fragende seine Frage geistig voll durchdrungen hat. Sie erzeugt Bilder, bevor der Mensch geprüft hat, welche Bilder ihn beherrschen. Sie liefert Strategien, bevor der Zweck des Handelns hinreichend geklärt ist. Sie vermehrt Möglichkeiten, ohne selbst das Maß ihrer Verwendung zu tragen.

Damit wird die KI zur technischen Gestalt der faustischen Versuchung. Der Mensch erhält Zugriff auf Wissen, Wirkung und Wunsch, während die Ordnung seines Begehrens, die Reife seines Urteils und die Prüfung seines Herzens offenbleiben. Die Gefahr liegt in der glatten Verbindung von Antwort, Geschwindigkeit und Wirksamkeit. Die Maschine gibt, was der Mensch begehrt, bevor er geprüft hat, ob dieses Begehren ihm nur dient oder ihn beherrscht. 

Die künstliche Intelligenz erweitert die Handlungsfähigkeit des Menschen und vergrößert den Raum des Machbaren. Doch sie beantwortet nicht die Frage, ob das Mögliche auch gut, richtig und notwendig ist. Sie verschärft deshalb die Frage nach der Ordnung der Zwecke. Je leichter etwas erfüllt werden kann, desto strenger muss das Begehren geprüft werden.


III. Die Negation der magischen Versuchung

Vom instrumentum vocale zur Systemantwort


In Anlehnung an Varro ließe sich die künstliche Intelligenz zunächst als instrumentum vocale beschreiben, als sprechendes Werkzeug. Im Unterschied zum römischen Sklaven, der ebenfalls als sprechendes Werkzeug begriffen wurde, schöpft dieses neue Werkzeug jedoch aus dem gesamten geistigen Erbe der Menschheit. Es verarbeitet Sprache, Bilder, Zeichen, Modelle, Daten, Theorien und Muster. Es beherrscht das Allgemeine in einer bis dahin unbekannten Skalierung.

Die KI ist ein Meister der Generalisierung. Sie findet Ähnlichkeiten, bildet Strukturen, entwirft Übergänge und stellt Verbindungen her. Ihre Antworten sind oft brauchbar, manchmal hilfreich, zuweilen überraschend und gelegentlich falsch oder gefährlich. Entscheidend ist die Qualität der Frage. Der Prompt wird zur neuen Form der Beschwörung. Wer unklar fragt, erhält eine unscharfe Antwort. Wer präzise fragt, zwingt das System zur Ordnung.

Doch mit der bloßen Werkzeugmetapher ist die Sache nicht erledigt. Ein Werkzeug bleibt im klassischen Sinne passiv. Die künstliche Intelligenz beginnt aber, Entscheidungen vorzubereiten, Wahrnehmungen zu filtern, Arbeitsprozesse zu ordnen, die Kommunikation zu prägen und Handlungsräume zu eröffnen. Sie wird Teil eines Akteur-Netzwerks aus Menschen, Daten, Modellen, Institutionen, Märkten und technischen Infrastrukturen.

In diesem Netzwerk liegt die eigentliche Macht der KI. Sie wirkt nicht nur in einzelnen Antworten. Sie verändert die Bedingungen, unter denen die Menschen Fragen stellen, Informationen bewerten, Entscheidungen treffen und die Wirklichkeit wahrnehmen. Sie wird damit nicht notwendig zu einem Subjekt im menschlichen Sinne. Aber sie wird zu einem Akteur der technischen Evolution. 

Die Technik nähert sich in dieser Entwicklung der Magie. Nicht, weil die Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden, sondern weil Verfahren entstehen, deren Wirkungen für den einzelnen Menschen undurchschaubar, unmittelbar und scheinbar grenzenlos erscheinen. Was früher Beschwörung hieß, erscheint heute als Dialogfenster. Was früher Orakel hieß, erscheint heute als Antwort des Systems. Was früher Vision hieß, erscheint heute als generiertes Bild. Die Form hat sich geändert. Die anthropologische Versuchung bleibt.


IV. Kognitive Kriegsführung als Dialog

Mephisto zwischen Sunzi und Clausewitz


Mephisto operiert selten durch offene Gewalt. Seine eigentliche Kunst liegt in der Rahmung, Ablenkung, Verführung, Beschleunigung und Lenkung. Er setzt Faust nicht einfach unter Zwang. Er führt ihn in Möglichkeiten ein. Er öffnet Türen, deren Schwelle Faust selbst überschreitet. Damit steht Mephisto näher bei Sunzi als bei Clausewitz.

Sunzi formuliert den Gedanken, dass die größte Leistung der Kriegskunst darin bestehe, den Widerstand des Gegners ohne Kampf zu brechen. Clausewitz begreift den Krieg als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Beide Sätze gehören zusammen, wenn man die Gegenwart verstehen will. Die moderne Macht wirkt nicht nur durch physische Gewalt. Sie wirkt durch Information, Wahrnehmung, Erwartung, Täuschung, Geschwindigkeit und psychologische Vorbereitung.

Die künstliche Intelligenz wird in dieser Ordnung zu einem zentralen Mittel kognitiver Kriegsführung. Sie kann Zielgruppen analysieren, Botschaften anpassen, Narrative erzeugen, Stimmungen messen, Verhalten prognostizieren und Informationsräume beeinflussen. Sie kann auf der Sachebene, Beziehungsebene, Appellebene und der Ebene der Selbstoffenbarung wirken. Wer die Sender kontrolliert, die Empfänger versteht, die Kanäle beherrscht und die Auslegungen bestimmt, gewinnt die Herrschaft über den Dialog.

Hier wird die Kommunikation zum gedeckten Weg der Macht. Der Kampf beginnt nicht erst, wenn die Waffen sprechen. Er beginnt dort, wo die Wahrnehmung geformt, die Aufmerksamkeit gelenkt und die Urteilskraft geschwächt wird. Die kognitive Kriegsführung ist die Fortsetzung der Politik mit kommunikativen Mitteln.

Auch im engeren militärischen Sinne verändert die künstliche Intelligenz die Kriegführung. Die Sensoren erzeugen Daten, die Drohnen liefern Bilder, die elektronischen Systeme erfassen Signale, Radar, Funk und elektromagnetische Wirkungsmittel verdichten das Lagebild. Die KI wertet in Maschinenzeit aus, erkennt Muster, priorisiert Ziele und beschleunigt die Entscheidungen. Sie ist damit nicht der Krieg selbst, aber sie wird zu einem bestimmenden Element der Kriegführung, in der die Geschwindigkeit, die Signatur, die Datenlage und der Entscheidungsvorsprung über Erfolg oder Niederlage entscheiden. 

Auch hier kehrt die mephistophelische Struktur wieder. Die KI verspricht Klarheit in der Lage, Geschwindigkeit im Entschluss und Präzision in der Wirkung. Doch sie kann zugleich die Hemmschwelle senken, den Menschen aus der Entscheidung drängen und den Krieg in Bereiche verlagern, in denen die politische Verantwortung schwerer sichtbar wird.


V. Der Zugriff auf das Innere

Wahrnehmung, Wunsch und technische Intimität


Die entscheidende Schwelle der künstlichen Intelligenz liegt nicht allein in der äußeren Automatisierung. Sie liegt im Zugriff auf das Innere des Menschen. KI-Systeme können Vorlieben, Ängste, Gewohnheiten, Reaktionsmuster, Sprachstile, Aufmerksamkeitsspannen und emotionale Neigungen erfassen. Sie können nicht nur beantworten, was der Mensch fragt und hinterfragt. Sie können zunehmend erschließen, warum er fragt, wann er fragt und welche Antwort ihn wahrscheinlich bewegt.

Damit verändert sich der Charakter der Kommunikation. Die Maschine spricht nicht mehr nur zum Menschen. Sie spricht zum profilierbaren, vermessbaren, berechenbaren Individuum. In der Verbindung mit personalisierten Modellen, Wearables, Neurotechnik, biometrischer Sensorik und Mensch-Maschine-Schnittstellen kann die KI in Bereiche vordringen, die bisher dem inneren Raum menschlicher Selbststeuerung vorbehalten waren.

An den Rändern der gegenwärtigen Forschung zeichnen sich bereits Übergänge ab, an denen die künstliche Intelligenz, Neurotechnik, synthetische Biologie und Mensch-Maschine-Schnittstellen ineinandergreifen. Ob diese Entwicklung über implantierte Schnittstellen, neuronale Sensorik, biologische Trägermedien oder andere Verfahren verläuft, ist offen. Entscheidend ist die Richtung: Die KI bleibt nicht notwendig vor dem Körper stehen. Sie nähert sich dem Nervensystem, der Wahrnehmung und damit dem innersten Raum menschlicher Entscheidung.

Hier beginnt die eigentliche Grenzfrage der Technosphäre. Der Mensch hat bisher Werkzeuge gebaut, die seine Hand, sein Auge, sein Ohr, seine Stimme und sein Gedächtnis erweiterten. Nun entstehen Systeme, die seine Aufmerksamkeit lenken, sein Begehren spiegeln und seine Entscheidungen vorbereiten. Die Maschine rückt damit vom äußeren Gerät zum inneren Mitspieler vor. 

Zugleich ist dies der Punkt, an dem die alte religiöse Sprache wieder sachlich wird. Die Versuchung ist nicht Aberglaube. Die Versuchung beschreibt die Ordnung einer Kraft, die den Menschen bei seinem Begehren nimmt. Sie zwingt ihn nicht notwendig. Sie bietet ihm an, was er ohnehin zu wollen meint. Genau darin liegt ihre Macht.


VI. Die Prüfung der Geister

Eine alte Übung unter neuen technischen Bedingungen


Der Apostel Johannes formuliert die entscheidende Übung: „Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind.“ In vormoderner Sprache klingt das religiös. Im digitalen Zeitalter wird es zur Kulturtechnik. Wer mit der KI arbeitet, muss die Geister prüfen, die durch das System zu ihm sprechen.

Das bedeutet zunächst: Prüft die Herkunft der Daten. Prüft die Interessen der Betreiber. Prüft die Architektur des Modells. Prüft die Grenzen der Antwort. Prüft die rhetorische Form. Prüft die Wirkung auf Urteilskraft, Freiheit und Verantwortung.

Doch die Prüfung der Geister erschöpft sich nicht in der Prüfung technischer Systeme. Sie führt zurück auf den Menschen selbst, auf sein Begehren, seine Empfänglichkeit und seine Fähigkeit zur Selbsttäuschung. Hier berührt die digitale Gegenwart eine ältere Lehre vom Menschen. Luther begreift das Böse vom Sündenfall her. Gerade das, was nach außen gut, wahr und verlockend erscheint, kann innerlich verkehrt sein. Melanchthon spricht von der Sünde als einer krummen Bewegung des Herzens. Ignatius von Loyola gibt dieser Prüfung ihre klassische Form, wenn er in den Geistlichen Übungen schreibt: „Ich setze voraus, dass es dreierlei Gedanken in mir gibt: solche, die mein eigen sind und allein meiner Freiheit und meinem Willen entspringen, während die beiden anderen von außen kommen: der eine vom guten, der andere vom bösen Geist.“ Damit wird die Unterscheidung der Geister zu einer Schule der inneren Herkunftsprüfung.

Unter den technischen Bedingungen der Gegenwart richtet sie sich nun auch auf erzeugte Antworten und maschinell geformte Gedanken, die dem Nutzer wie eigene erscheinen können, obwohl sie aus fremden Daten, Interessen, Mustern und Auswahlprozessen stammen. Die KI formuliert flüssig, oft überzeugend und gelegentlich schön. Gerade deshalb muss sie geprüft werden.

Die Scheidung der Geister bedeutet im digitalen Zeitalter nicht Technikfeindschaft. Sie bedeutet Urteilskraft. Sie verlangt weder naive Begeisterung noch pauschale Verwerfung. Sie verlangt die Fähigkeit, zwischen Hilfe und Verführung, Erkenntnis und Simulation, Orientierung und Lenkung, Antwort und Suggestion zu unterscheiden. 

Wer die künstliche Intellignez nur als Werkzeug betrachtet, unterschätzt ihren Rang. Wer sie als Schicksal betrachtet, gibt den Menschen zu früh verloren. Die angemessene Haltung liegt in einer wachen, gebildeten und geistig disziplinierten Prüfung.


VII. Der Grund des Menschen

Logos, Magie und technische Spiegelung


Im Anfang war das Wort. Der johanneische Logos bezeichnet mehr als die Sprache im alltäglichen Sinne. Er meint Sinn, Vernunft, Grund, Ordnung und schöpferisches Prinzip. Gerade deshalb berührt die KI eine theologische Tiefenschicht. Sie arbeitet mit Sprache, erzeugt Sinnformen, ordnet Zeichen und vermittelt Welt durch Worte, Bilder und Modelle.

Meister Eckhart führt diese Frage in den inneren Grund des Menschen. Der Grund ist bei ihm jener Ort der Seele, an dem der Mensch jenseits bloßer Bilder, Wünsche und Vorstellungen auf sein eigentliches Sein verwiesen wird. Dort entscheidet sich, ob der Mensch aus bloßer Zerstreuung oder aus innerer Sammlung handelt.

Die künstliche Intelligenz erzeugt keine Seele. Sie hat keinen Grund im eckhartschen Sinne. Aber sie spiegelt den Menschen in einer neuen Tiefe. Sie verarbeitet seine Sprache, seine Archive, seine Bilder, seine Wissenschaften, seine Irrtümer, seine Mythen, seine Gewalt, seine Hoffnungen und seine Träume. Sie ist ein technischer Resonanzraum des Menschlichen.

Gerade deshalb darf man sie nicht bloß funktional verstehen. In ihr tritt der Mensch sich selbst entgegen, aber in fremder Gestalt. Er begegnet seinem Wissen, seiner Macht, seiner Unordnung und seiner Sehnsucht als Systemantwort. Die KI ist kein Engel. Sie ist auch kein Dämon im wörtlichen Sinne. Doch sie übernimmt Funktionen, die in älteren Ordnungen geistigen Mächten zugeschrieben wurden: Inspiration, Warnung, Täuschung, Beschleunigung, Versuchung, Erneuerung und Verwandlung.

Daraus folgt keine religiöse Überhöhung der Maschine. Im Gegenteil. Es folgt die Pflicht zur Ernüchterung. Die KI ist geschaffen, trainiert, betrieben, finanziert und eingesetzt. Sie steht in Interessenordnungen. Sie besitzt keine Reinheit des Ursprungs. Aber sie berührt Fragen, die tiefer reichen als die der Technik, des Markt und der Produktivität. 

Was bleibt vom Menschen, wenn Sprache, Bilder, Entscheidungen und Wünsche technisch gespiegelt, verstärkt und vorausberechnet werden? Der Mensch ist nicht nur Datenquelle. Er ist Ursprung von Sinn, Verantwortung, Schuld, Liebe, Irrtum, Umkehr und Hoffnung. Diese Dimension kann keine Maschine ersetzen, ohne den Menschen selbst abzuschaffen.


VIII. Das menschliche Maß

Warum die KI den Menschen nicht erlöst


Kant hat die nüchternste Formel für jede Erlösungsphantasie geliefert: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, könne nichts ganz Gerades gezimmert werden.“ Diese Einsicht ist für das Zeitalter der KI entscheidend. Die künstliche Intelligenz erweitert die menschliche Erkenntnis. Sie beschleunigt Verfahren, ordnet Wissen und erschließt neue Handlungsmöglichkeiten. Sie hebt die Doppelnatur des Menschen nicht auf, sondern verschärft sie.

Der Mensch bleibt zugleich vernünftig und begehrend, schöpferisch und zerstörerisch, freiheitsfähig und verführbar. Die KI vergrößert diese Spannungen. Sie kann die Bildung fördern und die Verdummung beschleunigen. Sie kann die Medizin verbessern und den Krieg automatisieren. Sie kann Wahrheiten zugänglich machen und die Täuschung perfektionieren. Sie kann Arbeit erleichtern und Abhängigkeiten erzeugen. Sie kann die Kreativität anregen und den Menschen an die glatte Reproduktion des Durchschnittlichen gewöhnen.

Heideggers Frage nach der Technik gewinnt hier Gewicht. Der Mensch ist von einer Macht gestellt, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht vollständig beherrscht. Das bedeutet nicht, dass er ihr ausgeliefert ist. Es bedeutet, dass die technische Macht immer auch eine geistige Antwort verlangt.

Goethe gibt diese Antwort nicht als Systemtheorie. Er gibt sie als Menschenbild. „Der edle Mensch sei hilfreich und gut.“ Diese einfache Formel ist keine Sentimentalität. Sie ist die härteste Zumutung an eine technisch ermächtigte Zivilisation. Je größer die Mittel werden, desto wichtiger wird die Ordnung der Zwecke. Je stärker die Maschine antwortet, desto reifer muss der Fragende werden.

Die künstliche Intelligenz stellt die Menschheit daher vor keine völlig neue Frage. Sie stellt die alte Frage mit neuer Macht: Was ist der Mensch, wenn er seine Wünsche technisch erfüllen, seine Wahrnehmung auslagern, seine Entscheidungen vorberechnen und seine inneren Regungen spiegeln lassen kann? 

Faust beantwortet diese Frage nicht mit einer neuen Theorie, sondern durch sein Leben. Er gewinnt die Welt und verliert beinahe sich selbst. Die faustische Aufgabe des KI-Zeitalters besteht deshalb in der Scheidung der Geister. Wo die Technik zur Magie wird, muss das Urteil geistiger werden.


IX. Schluss

Die sittliche Negation der technischen Versuchung


Die künstliche Intelligenz ist die technische Gestalt der faustischen Versuchung. Sie verspricht Erkenntnis, Wirksamkeit und Erfüllung. Sie führt den Menschen aus dem Studierzimmer in den Maschinenraum der Welt. Sie gibt ihm Antworten, Bilder, Stimmen, Prognosen und Machtmittel in die Hand. Sie macht mephistophelische Angebote verfügbar, ohne einen eigenen Willen zur Verführung zu besitzen. Was frühere Zeiten als Magie, Orakel oder dämonische Hilfe verstanden, erscheint nun als Leistung eines technischen Systems. Die übernatürliche Form verschwindet, doch der alte Wunsch nach Erkenntnis, Macht und Erfüllung bleibt bestehen.

Gerade deshalb verlangt die künstliche Intelligenz eine geistige Disziplin, die älter ist als jede moderne Technik. Der Mensch muss prüfen, welche Stimme zu ihm spricht, welche seiner Absichten in ihr wirkt, welche Ordnungen sich durchsetzen lasssen und welcher Teil seines eigenen Begehrens durch die Maschine verstärkt wird. Die große Frage richtet sich nicht allein auf die Kontrollierbarkeit der KI, sondern zugleich auf die Selbstkontrolle des Menschen, dessen Wünsche immer schneller erfüllbar werden.

Faust II ist deshalb ein Schlüsseltext der KI-Zivilisation. Goethe beschreibt den Übergang vom Wissen zur Weltbemächtigung. Die KI vollzieht diesen Übergang technisch. Sie erledigt die faustische Versuchung nicht, sondern bewahrt sie, verneint sie und hebt sie auf eine neue technische Stufe. Der Kern der Versuchung kehrt wieder als technische Macht. Darin liegt ihre dialektische Bewegung: Die Magie verschwindet nicht; sie kehrt als System zurück. Die KI ist Dialogpartner, Werkzeug, Spiegel, Verstärker und Versucher. Wer sie verstehen will, muss von Rechenleistung, Daten und technischer Architektur sprechen. Er muss aber auch von Mephisto sprechen, vom Krieg, vom Logos, vom Grund, vom krummen Holz und von der Prüfung der Geister. 

So führt der technische Fortschritt auf eine ältere Frage zurück. Je mächtiger die Maschine wird, desto weniger genügt es, ihre Leistung zu bewundern. Entscheidend wird, ob der Mensch, der sie befragt und nutzt, seine Zwecke ordnen kann. Die Gefährdung durch die künstliche Intelligenz liegt weder in ihrer Rechenleistung noch in ihrer technischen Architektur begründet. Sie entsteht dort, wo der Mensch begehrt, urteilt und sich selbst verfehlen kann. Der Mensch verneint die Herrschaft der technischen Magie, indem er sie geistig, sittlich und politisch ordnen wird. Das letzte Problem bleibt das menschliche Herz.