Chinas F-35-Leitfaden
Die Öffnung militärischer Analyse
I. Lage
Wie eine US-F-35 über dem Iran abgeschossen werden kann?
Am 14. März verbreitete der chinesische Account „Laohu Talks World“ eine technisch fundierte Analyse, in der der Verfasser darlegte, unter welchen Voraussetzungen sich ein Tarnkappenflugzeug vom Typ F-35 bekämpfen lässt. Das Video, das mit persischen Untertiteln versehen war, erreichte innerhalb weniger Tage ein Millionenpublikum.
Fünf Tage später erklärte die iranische Seite, ein Flugzeug dieses Typs getroffen zu haben.
Der Vorgang ist bedeutsam, weil er erkennen lässt, dass die militärische Analyse den Rahmen institutioneller Geschlossenheit verlässt und in offene digitale Räume übertritt.
II. Kräfteansatz
Technische Ausbildung im internationalen Vergleich
Die Grundlage dieser Entwicklung ergibt sich aus der Größenordnung der technischen Ausbildung, deren Umfang in China eine Dimension erreicht, die im internationalen Vergleich ohne Entsprechung bleibt.
Während in China jährlich rund fünf Millionen Absolventen naturwissenschaftlicher und technischer Studiengänge ausgebildet werden, unter denen sich etwa 1,3 Millionen Ingenieure befinden, die den Kern der industriellen und technologischen Leistungsfähigkeit tragen, bringen die Vereinigten Staaten im selben Zeitraum rund 130.000 Ingenieure hervor, wobei auch unter Einbeziehung der europäischen Staaten kein Verhältnis entsteht, das dieser Größenordnung nahekommt.
Aus dieser Differenz folgt, dass mit der wachsenden Zahl technisch ausgebildeter Akteure die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ein Teil dieser Fähigkeiten außerhalb von institutionellen Bindungen eingesetzt wird, wodurch sich die Bedingungen, unter denen technische Analysen entstehen und zur Wirkung gelangen, neu ordnen werden.
III. Die operative Logik
Die Kostenasymmetrie
Die in der Analyse entwickelten Überlegungen folgen einer strategischen Logik, deren Kern in der Ausnutzung von Kostenasymmetrien und in der gezielten Ansprache funktionaler Schwächen komplexer Systeme liegt.
So zeigt der Verfasser, dass sich durch den Einsatz infrarotgelenkter Raketen, durch die Nutzung mobiler Abschusssysteme sowie durch die Einbindung improvisierter Sensorlösungen Wirkungen erzielen lassen, die geeignet erscheinen, auch technologisch überlegene Plattformen herauszufordern.
Der zugrunde liegende Grundsatz lautet, dass mit steigender Leistungsfähigkeit eines Systems zugleich die Zahl seiner potenziellen Angriffspunkte wächst, da die mit der Komplexität verbundene Differenzierung von Funktionen auch jene Stellen hervorbringt, an denen es verwundbar wird.
IV. Die Gefechtslage
Zwischen Behauptung und Befund
Die Gefechtslage ist durch widersprüchliche Meldungen gekennzeichnet.
Die iranische Darstellung eines Abschusses einer F-35 bleibt bislang ohne belastbare Bestätigung.
Demgegenüber wird der Abschuss eines Kampfflugzeugs vom Typ F-15E im iranischen Luftraum auch von amerikanischer Seite bestätigt. Beide Besatzungsmitglieder konnten sich absetzen und wurden im Rahmen einer militärischen Rettungsoperation geborgen.
Hinweise auf eine mögliche Beschädigung eines Flugzeugs vom Typ F-35 liegen vor, lassen sich jedoch bislang keiner gesicherten Bewertung zuführen.
Daraus folgt, dass zwischen behaupteter Wirkung, gesichertem Befund und unklaren Hinweisen strikt zu unterscheiden ist, da erst diese Differenz eine tragfähige Beurteilung der Lage ermöglicht.
V. Zivile Expertise im Krieg
Die Ausweitung zivilen Beteiligungshandelns
Der Fall des genannten Accounts steht im Zusammenhang einer breiteren Entwicklung, im Zuge derer auf chinesischen Plattformen eine Vielzahl technisch ausgebildeter Akteure Inhalte veröffentlicht, die sich unmittelbar auf die militärische Lage beziehen.
Diese Beiträge reichen von der Bereitstellung geographischer Koordinaten über die Formulierung operativer Vorschläge bis hin zur Durchführung von Simulationen möglicher Verteidigungsszenarien und lassen in Teilen eine fachliche Tiefe erkennen, die auf fundierte technische Kenntnisse schließen lässt.
Damit erweitert sich der Kreis derjenigen, die an der Analyse militärischer Sachverhalte mitwirken.
VI. Die Rolle chinesischer Hochschulen
Zur militärischen Anschlussfähigkeit von Chinas Hochschulen
Der Betreiber des genannten Accounts studierte zeitweise an der Northwestern Polytechnical University in Xi’an, einer Einrichtung, die als zentraler Bestandteil der chinesischen Verteidigungsforschung gilt und seit dem Jahr 2001 von den Vereinigten Staaten als sicherheitsrelevant eingestuft wird.
Aus dem Umfeld dieser Hochschule gehen regelmäßig Fachkräfte hervor, die in militärnahen Bereichen tätig werden, wodurch sich eine strukturelle Nähe zwischen ziviler Ausbildung und militärischer Anwendung zeigt, ohne dass sich daraus zwingend auf eine unmittelbare staatliche Steuerung schließen lässt.
VII. Motivstruktur der beteiligten Akteure
Zum Eigenantrieb technisch qualifizierter Akteure
Die Motivation der beteiligten Akteure erscheint überwiegend persönlicher Natur, da weder finanzielle Anreize noch direkte staatliche Aufträge erkennbar sind.
Vielmehr treten technisches Interesse, geopolitische Positionierung sowie das Streben nach öffentlicher Resonanz als zentrale Antriebskräfte hervor, deren Zusammenwirken eine Dynamik erzeugt, die sich institutioneller Kontrolle nur begrenzt unterordnet.
VIII. Schlussfolgerung
Die Entkopplung von Analyse und Institution
Die Bedeutung des Vorgangs reicht über den Einzelfall hinaus, weil er erkennen lässt, dass sich die Bedingungen der militärischen Analyse verändern.
Während die eigentliche militärische Überlegenheit weiterhin an Organisation, Führung und materielle Ressourcen gebunden bleibt, entzieht sich die Fähigkeit zur gedanklichen Durchdringung militärischer Systeme zunehmend diesen Strukturen, da sich das entsprechende Wissen in offene Räumen verlagert.
Im Unterschied zum von Carl von Clausewitz beschriebenen Volkskrieg, der die physische Beteiligung der Bevölkerung am Kampf bezeichnet, tritt an seine Stelle eine zunehmend KI-gestützte Beteiligung ziviler Akteure an der Analyse militärischer Systeme.
Daraus folgt, dass die institutionell erzeugte Analyse als Grundlage militärischer Urteilsbildung nicht mehr genügt und durch die systematische Einbeziehung offener Wissensräume ergänzt werden muss.
