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Lizenzdilemma agentischer Plattformen

Agentische Plattformökonomie

Die Neuordnung der Erlöslogik digitaler Plattformen



I. Agentische KI als Strukturereignis

Autonome Ausführung als Grundlage digitaler Wertschöpfung


Mit dem Übergang von assistiven zu agentischen KI-Systemen verschiebt sich die innere Logik digitaler Plattformen. Software erfüllt ihre ökonomische Funktion nicht mehr primär dadurch, dass sie menschliche Nutzer bei der Ausführung einzelner Arbeitsschritte unterstützt, sondern zunehmend dadurch, dass sie ganze Aufgabenketten autonom ausführt, koordiniert und überwacht. 

Diese Verschiebung berührt einen zentralen, lange Zeit kaum hinterfragten Grundpfeiler der Plattformökonomie: die Kopplung von Erlösen an die Zahl menschlicher Nutzer. Dort, wo Wertschöpfung nicht mehr an Interaktion, sondern an autonome Ausführung gebunden ist, verliert die klassische Lizenzlogik ihre Passfähigkeit. Das daraus entstehende Spannungsverhältnis lässt sich als Lizenzdilemma agentischer Plattformen beschreiben.


II. Lizenzdilemma als Wirkmechanismus

Ökonomische Spannungen klassischer SaaS-Preismodelle


Historisch dienten sitzplatz- und nutzerbasierte Lizenzen als praktikable Näherung für den Umfang geleisteter Arbeit. Diese Logik beruhte auf der Annahme, dass die produktive Leistung an menschlicher Anwesenheit, an Bedienung sowie an Entscheidungen gebunden ist.

Die agentische KI verschiebt diese Grundlage, indem sie Wertschöpfung verdichtet und Tätigkeiten zusammenführt. Dies geschieht insbesondere dadurch, dass sie

  • operative Abläufe bündelt,

  • Entscheidungsroutinen automatisiert und

  • Prozesse ohne fortlaufende menschliche Intervention ausführt.

Der ökonomische Ertrag der Plattform steigt dadurch häufig auf der Kundenseite, während die Zahl abrechenbarer Nutzer sinkt oder stagniert. Erlös und Nutzen entkoppeln sich. Diese Entkopplung bildet den Kern des Lizenzdilemmas.


III. Plattformtypen unter agentischer KI

Differenzierung agentischer Wertschöpfungsarchitekturen


Um die unterschiedlichen Wirkungen agentischer KI präzise einordnen zu können, ist eine funktionale Typologie erforderlich. Sie unterscheidet fünf Plattformtypen, deren Erlöslogik jeweils unterschiedlich auf Automatisierung reagiert.


1. Interaktionszentrierte Plattformen

Diese Plattformen beziehen ihren Wert aus der Bedienung durch menschliche Nutzer. Die Lizenz ist an Rollen, Zugriffe und Nutzungshäufigkeit gebunden.


2. Orchestrierungs- und Steuerungsschichten

Im Mittelpunkt stehen Zuständigkeit, Governance, Eskalationslogik und revisionssichere Dokumentation. Die Plattform fungiert als institutionelle Ordnungsschicht.


3. Transaktions- und Infrastruktursysteme

Der Erlös entsteht durch Durchsatz, Gebühren, Take Rates oder infrastrukturelle Nutzung. Wertschöpfung und Monetarisierung sind eng gekoppelt.


4. Daten- und Verifizierungsplattformen

Diese Systeme definieren Referenzdaten, Identitäten, Abrechnungsgrundlagen und Gültigkeit. Sie sichern Konsistenz und institutionelle Verbindlichkeit.


5. Entwicklungs- und Erzeugungsplattformen


Hier werden Software, Inhalte oder Modelle produziert. Agentische Systeme treten nicht nur als Werkzeuge, sondern als eigenständige Produzenten von Entwürfen, Varianten und Optimierungen auf. 


Diese Typologie bildet den analytischen Rahmen für die folgenden Betrachtungen. 


IV. Drei Plattformen im Strukturtest

Erlöslogik und Plattformfunktion im Vergleich


Salesforce

Salesforce ist historisch als interaktionszentrierte CRM-Plattform gewachsen. Die Integration agentischer Funktionen verschiebt den Schwerpunkt zunehmend in Richtung Orchestrierung und Datensteuerung. Autonome Agenten übernehmen Pflege, Priorisierung und operative Entscheidungsvorbereitung. Der funktionale Wert der Plattform steigt, während die traditionelle Sitzplatzlogik unter Anpassungsdruck gerät.


ServiceNow

ServiceNow ist von Beginn an als Orchestrierungs- und Steuerungsschicht konzipiert. Die Automatisierung einzelner Prozessschritte erhöht den Bedarf an formaler Ordnung, an Zuständigkeitslogik und an Nachvollziehbarkeit. Die agentische KI wirkt hier strukturverstärkend. Die Erlösbasis bleibt an den Prozessumfang und an die organisatorische Zentralität gebunden.


Shopify

Shopify verbindet Transaktion, Integration und Orchestrierung. Agentische Systeme erleichtern Setup, Optimierung und laufende Anpassung. Im oberen Marktsegment löst sich dadurch die Bindung an eine zentrale Plattformarchitektur teilweise auf. Die Orchestrierungsfunktion wird modularisierbar, während Transaktions- und Zahlungsströme stabil bleiben.


V. Plattformsegmente im Lizenzdilemma

Marktübergreifende Wirkungen agentischer Automatisierung


A. CRM, CX, Sales und Marketing Automation

Salesforce, Adobe Experience Cloud, HubSpot, Zendesk, Genesys, Twilio Segment

Charakteristisch sind: 

  • hohe Abhängigkeit von Nutzerlizenzen,

  • starke Automatisierbarkeit operativer Tätigkeiten,

  • sinkende Notwendigkeit manueller Interaktion.


B. Kollaboration, Wissensarbeit und Work Management

Atlassian, Microsoft 365, Google Workspace, Slack, Zoom, Notion, Asana, Monday.com, Smartsheet

Agentische Systeme übernehmen hier:

  • Koordination,

  • Priorisierung,

  • Dokumentation und Zusammenfassung. 

Die Zahl aktiver Nutzer verliert an Aussagekraft für den Wertbeitrag.


C. ITSM, ESM, Identity, Security und Governance

ServiceNow, Okta, Palo Alto Networks, CrowdStrike 

Diese Plattformen sind institutionell eingebettet. Die Automatisierung erhöht den Bedarf an Steuerung, Kontrolle und Absicherung.


D. ERP, HCM und Enterprise Backoffice

SAP, Oracle, Workday, Intuit, Paycom, Paylocity 

Die agentische Vorverarbeitung verdichtet die Arbeit entlang administrativer, finanzieller und personalwirtschaftlicher Prozesse. Die monetäre Logik dieser Plattformen bleibt dabei an regulatorische, organisatorische und haftungsbezogene Strukturen gebunden. Wie sich exemplarisch bei Anbietern mit stark gestapelten Architekturen zeigt, entsteht eine innere Spannung zwischen verbrauchs- oder leistungsbasierten Infrastruktur- und Transaktionsschichten, die von der agentischen Nutzung profitieren, und nutzerzentrierten Enterprise-Anwendungen, deren Erlöslogik unter Anpassungsdruck gerät, da die agentischen Prozessketten die Zahl abrechenbarer Rollen reduzieren.


E. Entwicklungs- und Erzeugungsplattformen

Autodesk, Dassault Systèmes, Siemens Digital Industries Software, PTC, Adobe, Unity, Epic Games, GitHub 

Diese Plattformen sind in besonderer Weise exponiert, da die agentischen Systeme hier unmittelbar produktive Erzeugungsarbeit übernehmen. Entwürfe, Varianten, Simulationen und Optimierungen lassen sich autonom erzeugen, wodurch sich die Wertschöpfung pro Nutzer stark verdichtet. Die klassische Sitzplatzlogik verliert dabei ihre Passfähigkeit, da der ökonomische Output nicht mehr proportional zur Zahl menschlicher Anwender wächst.


F. E-Commerce- und Commerce-Enablement-Plattformen

Shopify, BigCommerce, Wix, Squarespace 

Die technische Integration lässt sich zunehmend agentisch bewältigen. Dadurch verliert die Orchestrierung der Geschäftsprozesse ihre ausschließliche Bindung an die jeweilige Plattform und wird partiell modularisierbar.


G. Referenz-, Verifizierungs- und Bewertungsplattformen

Moody’s, S&P Global, LSEG

Diese Plattformen erzeugen ihren ökonomischen Wert nicht aus der Interaktion oder aus der Zahl der Nutzer, sondern aus der institutionell anerkannten Gültigkeit ihrer Bewertungen und Referenzmaßstäbe. Ratings, Indizes, Referenzdaten sowie methodisch abgesicherte Bewertungsmaßstäbe sind tief in regulatorische Vorgaben, in Vertragswerke und in kapitalmarktliche Prozesse eingebettet. Die agentische KI erhöht in diesem Rahmen die Produktivität, die Aktualität und die Granularität der Analyse, ohne die Erlöslogik zu untergraben, da sich die Monetarisierung an der Verwendbarkeit, an der Anerkennung und an der rechtlichen Relevanz orientiert.


H. Deep-Engineering-, Verifikations-, Simulationsplattformen


Synopsys, Cadence Design Systems, ANSYS, Keysight Technologies, Siemens EDA

Diese Plattformen erzeugen ihren ökonomischen Wert aus der technischen Gültigkeit ihrer hochkomplexen Entwurfs-, Verifikations- und Simulationsprozesse, deren Ergebnisse physisch realisiert werden und sich nur unter erheblichem Risiko revidieren lassen. Agentische Systeme übernehmen hierbei die Exploration, die Optimierung und die Vorprüfung der Entwürfe, wodurch sich der Arbeitsaufwand der Entwickler deutlich verdichtet. Die Erlöslogik bleibt jedoch an die Komplexität der Systeme, an das Fehlerrisiko der Ergebnisse und an die technologische Unverzichtbarkeit der Plattformen gebunden, sodass kein klassisches Lizenzdilemma entsteht, sondern eine strukturelle Stabilisierung der Plattformabhängigkeit eintritt.


I. Data, Analytics, Observability und Developer Platforms

Datadog, Snowflake, GitHub, New Relic 

Bei diesen Plattformen übernehmen agentische Systeme einen Großteil der Analyse, der Codeerzeugung und der operativen Betriebsarbeit. Der wirtschaftliche Beitrag der Plattform hängt damit immer weniger von der Zahl menschlicher Nutzer ab. Maßgeblich werden vielmehr das verarbeitete Datenvolumen, die Autonomie der Ausführung sowie die Komplexität der betreuten technischen Systeme.


VI. Kontrastfolie chinesische Plattformen

Alternative Erlöslogiken im internationalen Vergleich


Chinesische Plattformen wie Tencent, Alibaba, Meituan, JD sowie Temu und Shein sind überwiegend transaktions- und infrastrukturbasiert organisiert. Die agentische KI steigert dort

  • den Durchsatz der abgewickelten Handels- und Zahlungsprozesse,
  • die Koordination der Produktions-, Logistik- und Vermarktungsprozesse und
  • die Kontrolle der Wertschöpfungsketten dieser Plattformen von der Herstellung bis zum Endkunden.

Die Erlöslogik dieser Plattformen bleibt stabil, da sie an das Volumen der Transaktionen, an die Geschwindigkeit des Warenumschlags und an die Auslastung der betriebenen Infrastruktur gebunden ist und nicht an die Zahl menschlicher Nutzerplätze. Die technologische Dynamik der agentischen Steuerungssysteme wirkt hier zentralisierend, da die Entscheidungs-, Daten- und Prozesshoheit der Plattformbetreiber weiter konzentriert wird.


VII. Gemeinsame Strukturmerkmale

Übergreifende Ordnungseffekte der agentischen KI


Über alle Segmente hinweg zeigt sich ein einheitliches Muster: 

  • Agentische Systeme bündeln zuvor verteilte Arbeit.

  • Die Wertschöpfung verlagert sich zur autonomen Ausführung.

  • Die Erlösmodelle reagieren zeitverzögert auf diese Verschiebung.


VIII. Strategische Implikationen

Anpassung von Monetarisierung und Plattformrolle


Die Plattformanbieter stehen vor drei strukturellen Anpassungsaufgaben: 

  • Entwicklung verbrauchs-, transaktions- oder ergebnisbasierter Preismodelle,

  • Definition agentischer Nutzung als eigenständige Erlöseinheit,

  • Stärkung der Rolle als Orchestrator komplexer Abläufe.

Große Plattformkonzerne mit vertikal integrierter Architektur zeigen, dass sich das Lizenzdilemma nicht zwingend in einen Erosionsdruck der Anwendungserlöse übersetzen muss. Anbieter wie Microsoft, Google oder Amazon kompensieren den Rückgang der nutzergebundenen Erlöse einzelner Anwendungsschichten durch die Monetarisierung agentischer Zusatzfunktionen sowie durch den Ausbau von verbrauchsbasierten Infrastruktur-, Daten- und Sicherheitsdiensten. Die Erlöslogik dieser Konzerne verlagert sich damit konzernintern, da der wirtschaftliche Ertrag zunehmend aus der abrechenbaren Ausführung produktiver Tätigkeiten durch agentische Systeme entsteht und nicht mehr aus der Lizenzierung menschlicher Bedienung.


IX. Schluss

Die künftige Gestalt der Plattformökonomie


Die agentische KI greift tief in die Grundlagen der Plattformökonomie ein, da sie die Art und Weise verändert, in der Wertschöpfung organisiert, gesteuert und monetarisiert wird. Plattformen behaupten ihre Stellung dort, wo ihr ökonomischer Wert aus der Herstellung von Ordnung, aus der Koordination komplexer Abläufe sowie aus institutioneller Verbindlichkeit erwächst und nicht primär aus der Anzahl oder Intensität menschlicher Interaktionen. Das daraus resultierende Lizenzdilemma kennzeichnet folglich eine Phase der Auslese, in der sich jene Plattformen durchsetzen, die ihre Rolle unter veränderten technologischen Bedingungen in eine tragfähige ökonomische Ordnung überführen können.


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