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Microsoft-Studie: Working with AI (2025)

Arbeiten mit KI

Zur Strukturveränderung des Arbeitsmarktes


Microsoft-Research-Studie "Working with AI" (2025) | Dr. Wrede & Partner

Grafik © Dr. Wrede & Partner, 2025. Alle Rechte vorbehalten.


Im Juli 2025 legte Microsoft Research eine umfassende Studie zur Anwendbarkeit generativer KI auf konkrete Berufsgruppen vor. Der Titel Working with AI: Measuring the Applicability of Generative AI to Occupations bezeichnet nicht weniger als den Versuch, die Schnittstelle zwischen realer Arbeit und maschineller Text-Intelligenz empirisch zu vermessen.
Die Datengrundlage bilden über 200 000 anonymisierte Interaktionen zwischen Nutzern und Microsoft Copilot in den Vereinigten Staaten. Aus diesen Konversationen wurden typische Arbeitshandlungen identifiziert, klassifiziert und in Beziehung zu den Tätigkeitsprofilen des amerikanischen Berufssystems (O*NET) gesetzt. Das Ergebnis ist ein sogenannter AI Applicability Score – ein Maß dafür, in welchem Umfang generative KI heute schon Arbeitsaktivitäten abbilden, unterstützen oder selbst durchführen kann.


Methodischer Ansatz


Die Studie unterscheidet präzise zwischen zwei Handlungsebenen:

  • Ziel des Nutzers: Welche Aufgabe will der Mensch mit Hilfe der KI bewältigen?

  • Aktion der KI: Welche Teilaufgabe übernimmt das System tatsächlich?

Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil sie das Verhältnis von Assistenz und Automation empirisch abbildet. Der Mensch fragt, die Maschine antwortet – aber nicht im gleichen semantischen Raum. Während der Nutzer Informationen sucht, Texte verfasst oder Probleme löst, agiert die KI als Beraterin, Lehrende oder Informationsquelle.
Jede Interaktion wurde anschließend drei Kriterien unterzogen:

  1. Abdeckung (Coverage): Wie viele berufstypische Tätigkeiten werden überhaupt durch KI-Einsatz berührt?

  2. Erfolgsquote (Completion): In welchem Anteil der Fälle führt die KI die gestellte Aufgabe erkennbar zum Abschluss?

  3. Umfang (Scope): Wie groß ist der Anteil des Arbeitsfelds, in dem KI eine funktionale Rolle übernehmen kann? 

Aus diesen Kennziffern ergibt sich ein gewichteter Gesamtwert, der für 785 Berufe berechnet wurde.


Zentrale Befunde


Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Muster:
Generative KI wirkt vor allem dort, wo Arbeit sprachlich, analytisch oder beratend verläuft – nicht dort, wo sie körperlich, handwerklich oder maschinell ausgeführt wird.

Die höchste Anwendbarkeit findet sich in folgenden Berufsfeldern:

  • Übersetzung, Redaktion, Journalismus, Technische Kommunikation

  • Kunden-, Service- und Vertriebsfunktionen

  • Datenanalyse, Programmierung und Verwaltung

  • Pädagogische und beratende Tätigkeiten

Dagegen weisen Berufe mit körperlicher Arbeit, Pflege, Handwerk oder Maschinentechnik die geringsten Überschneidungen mit generativer KI auf.

In der Rangliste der 40 am stärksten betroffenen Tätigkeiten liegen Dolmetscher, Historiker, Autoren, Dienstleistungsverkäufer und Kundenberater an der Spitze. Am unteren Ende stehen Pflege- und Hilfskräfte, Handwerker, Maschinenbediener und technische Operatoren.

Bemerkenswert ist, dass sich kein linearer Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und KI-Exponiertheit zeigt. Wissens- und Kommunikationsarbeit kann ebenso betroffen sein wie mittlere Routinefunktionen. Das Gefälle verläuft weniger sozial als semantisch: Wer mit Sprache, Information und Regelwissen arbeitet, befindet sich im Zentrum der Veränderung.


Relevanz für Deutschland


Auch wenn die Datengrundlage amerikanisch ist, lassen sich strukturelle Parallelen erkennen.
In Deutschland zählen zu den besonders KI-affinen Berufsfeldern:

  • Übersetzungs-, Medien- und Redaktionsarbeit

  • Marketing, Vertrieb, Kundenservice

  • Wissenschaftliche Assistenz, Lehrtätigkeit und Verwaltung

  • Software- und Datenberufe

Weniger betroffen sind:

  • Produktion, Bau, Transport und Energieversorgung

  • Pflege, Therapie und handwerkliche Berufe 

Damit bestätigt sich ein Grundmuster des technologischen Strukturwandels: KI transformiert zunächst die kognitiven Tätigkeiten, nicht die physischen.
Langfristig wird jedoch jede Branche lernen müssen, ihre Informationsflüsse, Dokumentationspflichten und Wissensprozesse neu zu ordnen – unabhängig vom Anteil manueller Arbeit.


Strategische Folgerungen


Für Unternehmen bedeutet dies zweierlei:

  1. Komplementarität statt Ersatzdenken. KI ist gegenwärtig weniger ein Substitut als ein Multiplikator menschlicher Urteilskraft. Die produktivsten Arbeitsformen entstehen dort, wo KI systematisch in Recherche, Text- und Datenverarbeitung eingebunden wird, ohne den menschlichen Zweck zu verdrängen.

  2. Qualifikationsverschiebung. Der Wert eines Berufs liegt künftig nicht mehr allein im Tätigkeitsfeld, sondern im Grad der digitalen Selbstwirksamkeit. Wer weiß, wie er generative Modelle methodisch nutzt, wird seinen Marktwert sichern – unabhängig von Branche oder Hierarchie. 

Für Bildungssysteme bedeutet das: Schreib-, Analyse- und Urteilsfähigkeit werden zur zentralen Voraussetzung digitaler Professionalität. Die Studie zeigt, dass KI-Kompetenz keine Programmierkunst ist, sondern angewandte Sprach- und Denkarbeit.


Fazit


Die Microsoft-Studie liefert kein Szenario des Arbeitsplatzverlustes, sondern eine präzise Momentaufnahme des gegenwärtigen Wandels. Sie zeigt, wo generative KI heute bereits arbeitet – und wo sie an Grenzen stößt.
Wer die Zahlen richtig liest, erkennt: Die Herausforderung liegt weniger in der Angst vor Automatisierung als in der Fähigkeit, mit Maschinen sinnvoll zu denken.  

Künftige Arbeit wird weder rein menschlich noch rein künstlich sein, sondern ein neues Gefüge aus Kommunikation, Kontrolle und geistiger Klarheit.
Das erfordert Führung, die versteht, was bleibt: Urteilskraft, Verantwortung und Sprache als Grundlage jeder zivilisierten Arbeit.


Anlage A

40 Berufe mit hoher KI-Anwendbarkeit


Rang

Beruf (Deutsch)

Originaltitel (Englisch)

KI-Score

1

Dolmetscher und Übersetzer

Interpreters and Translators

0,49

2

Historiker

Historians

0,48

3

Flug- und Zugbegleiter

Passenger Attendants

0,47

4

Dienstleistungsverkäufer

Sales Representatives of Services

0,46

5

Autoren und Schriftsteller

Writers and Authors

0,45

6

Kundenservice-Mitarbeiter

Customer Service Representatives

0,44

7

CNC-Programmierer

CNC Tool Programmers

0,44

8

Telefonisten

Telephone Operators

0,42

9

Reise- und Ticketverkäufer

Ticket Agents and Travel Clerks

0,41

10

Rundfunksprecher und Radiomoderatoren

Broadcast Announcers and Radio DJs

0,41

11

Börsen- und Handelsgehilfen

Brokerage Clerks

0,41

12

Fachberater für Haus- und Landwirtschaft

Farm and Home Management Educators

0,41

13

Telefonverkäufer

Telemarketers

0,40

14

Concierges

Concierges

0,40

15

Politikwissenschaftler

Political Scientists

0,39

16

Reporter und Journalisten

News Analysts, Reporters, Journalists

0,39

17

Mathematiker

Mathematicians

0,39

18

Technische Redakteure

Technical Writers

0,38

19

Korrekturleser

Proofreaders and Copy Markers

0,38

20

Empfangskräfte und Gastgeber

Hosts and Hostesses

0,37

21

Redakteure

Editors

0,37

22

Dozenten für Betriebswirtschaft

Business Teachers, Postsecondary

0,37

23

PR-Fachleute

Public Relations Specialists

0,36

24

Produkt- und Werbedemonstratoren

Demonstrators and Product Promoters

0,36

25

Anzeigenverkäufer

Advertising Sales Agents

0,36

26

Sachbearbeiter für Neukonten

New Accounts Clerks

0,36

27

Statistische Assistenten

Statistical Assistants

0,36

28

Miet- und Thekenangestellte

Counter and Rental Clerks

0,36

29

Datenwissenschaftler

Data Scientists

0,36

30

Finanzberater

Personal Financial Advisors

0,35

31

Archivare

Archivists

0,35

32

Dozenten für Volkswirtschaft

Economics Teachers, Postsecondary

0,35

33

Webentwickler

Web Developers

0,35

34

Unternehmensanalysten

Management Analysts

0,35

35

Geographen

Geographers

0,35

36

Models

Models

0,35

37

Marktforscher

Market Research Analysts

0,35

38

Leitstellen-Disponenten

Public Safety Telecommunicators

0,35

39

Telefonzentralisten

Switchboard Operators

0,35

40

Dozenten für Bibliothekswissenschaft

Library Science Teachers, Postsecondary

0,34


Anlage B

40 Berufe mit niedriger KI-Anwendbarkeit


Rang

Beruf (Deutsch)

Originaltitel (Englisch)

KI-Score

1

Blutabnehmer

Phlebotomists

0,03

2

Pflegehelfer

Nursing Assistants

0,03

3

Fachkräfte für Gefahrstoffbeseitigung

Hazardous Materials Removal Workers

0,03

4

Gehilfen für Maler und Verputzer

Helpers – Painters, Plasterers

0,03

5

Einbalsamierer

Embalmers

0,03

6

Betriebs- und Anlagenführer (sonstige)

Plant and System Operators

0,03

7

Kiefer- und Gesichtschirurgen

Oral and Maxillofacial Surgeons

0,03

8

Autoglasmonteure

Automotive Glass Installers and Repairers

0,03

9

Schiffsingenieure

Ship Engineers

0,03

10

Reifenmonteure

Tire Repairers and Changers

0,02

11

Zahnersatz-Spezialisten

Prosthodontists

0,02

12

Produktionshelfer

Helpers – Production Workers

0,02

13

Straßen- und Brückeninstandhalter

Highway Maintenance Workers

0,02

14

Medizintechnische Vorbereiter

Medical Equipment Preparers

0,02

15

Verpackungsmaschinenführer

Packaging and Filling Machine Operators

0,02

16

Maschinenbeschicker

Machine Feeders and Offbearers

0,02

17

Spüler

Dishwashers

0,02

18

Betonbauer und Estrichleger

Cement Masons and Concrete Finishers

0,01

19

Feuerwehr-Vorgesetzte

Supervisors of Firefighters

0,01

20

Gabelstaplerfahrer

Industrial Truck and Tractor Operators

0,01

21

Augenoptik-Assistenten

Ophthalmic Medical Technicians

0,01

22

Masseure

Massage Therapists

0,01

23

Operationsassistenten

Surgical Assistants

0,01

24

Reifenbauer

Tire Builders

0,01

25

Dachdeckergehilfen

Helpers – Roofers

0,01

26

Gasverdichter- und Pumpenbediener

Gas Compressor and Pumping Station Operators

0,01

27

Dachdecker

Roofers

0,01

28

Bohr- und Ölarbeiter

Roustabouts, Oil and Gas

0,01

29

Zimmermädchen und Reinigungskräfte

Maids and Housekeeping Cleaners

0,01

30

Straßen- und Belagsmaschinenführer

Paving and Surfacing Equipment Operators

0,01

31

Forstmaschinenführer

Logging Equipment Operators

0,01

32

Motorbootführer

Motorboat Operators

0,00

33

Krankenhausordner

Orderlies

0,00

34

Bodenschleifer

Floor Sanders and Finishers

0,00

35

Rammbock- und Pfahlmaschinenführer

Pile Driver Operators

0,00

36

Gleis- und Instandhaltungsarbeiter

Rail-Track Laying and Maintenance Operators

0,00

37

Gießerei-Formenbauer

Foundry Mold and Coremakers

0,00

38

Wasseraufbereitungsanlagen-Bediener

Water Treatment Plant and System Operators

0,00

39

Brücken- und Schleusenwärter

Bridge and Lock Tenders

0,00

40

Baggerführer

Dredge Operators

0,00


Ausblick

Die zweite Welle der Automatisierung


Auf die digitale folgt die physische Transformation. Wenn generative KI mit Robotik verschmilzt, entsteht eine neue Arbeitsteilung zwischen Denken und Handeln. Maschinen werden nicht mehr nur Antworten formulieren, sondern reale Aufgaben ausführen können: Sie werden schreiben, rechnen, montieren, transportieren und warten.

Der Einfluss der KI wird sich damit über den Bildschirm hinaus nicht nur in die Werkhallen ausdehnen, sondern auch in die Krankenhäuser und Lieferketten.

Die kognitive Automatisierung wird zur operativen. 

Einerseits werden Produktivität und Präzision steigen, andererseits werden alle Tätigkeiten, die auf Wiederholung und Regelhaftigkeit beruhen, zunehmend unter Druck geraten.

Entscheidend wird sein, ob der Mensch die neue Handlungsintelligenz zu führen weiß, bevor sie ihn ersetzt.


Literaturverzeichnis


Primärquelle

  • Microsoft Research (2025): Working with AI: Measuring the Applicability of Generative AI to Occupations. July 2025. Redmond, WA.
    Verfügbar unter: https://arxiv.org/abs/2507.07935


Begleitende Veröffentlichungen und Kommentare

  • Agrawal, A.; Gans, J.; Goldfarb, A. (2018): Prediction Machines – The Simple Economics of Artificial Intelligence. Harvard Business Review Press, Boston.

  • Brynjolfsson, E.; Mitchell, T.; Rock, D. (2023): The Turing Trap: The Promise & Peril of Human-Like Artificial Intelligence. NBER Working Paper w30922, Cambridge (MA).

  • Microsoft Research Blog (2025): Applicability vs. Job Displacement – Further Notes on Our Recent Research on AI and Occupations.
    Verfügbar unter: https://www.microsoft.com/en-us/research/blog

  • GeekWire (2025): Microsoft Study Shows Jobs Most and Least Impacted by Generative AI. Seattle, Juli 2025.


Wissenschaftliche und ökonomische Analysen

  • Autor, D.; Salomons, A. (2024): The Labor Market Effects of Artificial Intelligence: Evidence from U.S. Occupations. MIT Working Paper, Cambridge (MA).

  • Acemoglu, D.; Restrepo, P. (2024): Tasks, Automation, and the Rise of Artificial Intelligence. Journal of Economic Perspectives, Vol. 38 (2), pp. 3–28.

  • Felten, E.; Raj, M.; Seamans, R. (2023): How Will Language Modelers Like ChatGPT Affect Occupations and Industries? NBER Working Paper w31122.

  • OECD (2024): AI and the Future of Work – Policy Directions for Inclusive Transformation. OECD Publishing, Paris.

  • World Economic Forum (2024): Future of Jobs Report 2024. Geneva.


Deutsche Analysen und Transfers  

  • IAB – Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2024): KI am Arbeitsplatz: Potenziale, Risiken und Qualifikationsbedarf. Nürnberg.

  • Bitkom (2024): Generative KI in deutschen Unternehmen. Berlin.

  • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) (2024): Wege in die Arbeitsgesellschaft 2030 – KI, Transformation und soziale Sicherung. Berlin.