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Zweifel, Maß und Begriff

Zweifel, Maß und Begriff

Betrachtungen zur digitalen Vernunft – Beitrag 16



Zur Kritik der digitalen Ordnung


Seit fünfzehn Beiträgen stand die Frage im Mittelpunkt, was Digitalisierung im Kern bedeutet.
Nicht als Erzählung des Fortschritts, die den Willen zur Technik mit Seelenheil verwechselt, sondern als Versuch, einen Begriff zu bilden, in dem das Digitale aus sich selbst begriffen werden kann.

Erst der Begriff löst die Erscheinung aus der Faszination des Neuen und führt sie in jenen Zusammenhang des Denkens, in dem jedes technische Mittel den Ausdruck einer bestimmten Form des Weltverhältnisses gewinnt.
Digitalisierung bedeutet daher nicht die bloße Erweiterung menschlicher Möglichkeiten, sondern eine Verschiebung jener Bedingungen, unter denen Wahrnehmung, Handlungen und Urteil überhaupt erst Gestalt gewinnen.

Im Vordergrund dieser Reihe stand nicht die Technik.
Weder das Gerät, die Plattform oder der Code.
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich eine Ordnung verändert, wenn Information nicht mehr aus Erfahrung, sondern aus Berechnung entsteht, wenn der Zusammenhang der Dinge nicht mehr durch Anschauung, sondern durch Modellierugen bestimmt wird.
Entscheidend war die Stelle, an der menschliche Urteilskraft auf diese maschinische Vorauswahl trifft, jener Grenzbereich, in dem Entscheidung zur Funktion und Freiheit zur Variable zu werden droht.

Mündigkeit, Eigentum, Infrastruktur und Maß bildeten die Prüfsteine dieser Betrachtung.
Denn wer Werkzeuge gebraucht, ohne ihre Voraussetzungen zu verstehen, verfehlt den Sinn ihres Gebrauchs.
Er handelt, ohne zu wissen, was sein Handeln bewirkt, und verliert so das Bewusstsein des Ursprungs, aus dem sein Wille hervorgeht.
Darum bedarf jede technische Kultur einer moralischen Geometrie, in der das Maß des Menschen gewahrt bleibt.
Nicht die Schnelligkeit der Berechnung bestimmt ihren Wert, sondern die Klarheit des Urteils, das aus ihr folgt.

Digitalisierung ist kein Naturzustand, der den Menschen überkommt, sondern eine von ihm geschaffene Struktur, in der sich Macht, Wissen und Verantwortung neu verteilen.
Was als Rationalisierung erscheint, ist in Wahrheit eine Umordnung der Aufmerksamkeit.
Der Blick wendet sich von den Dingen ab und den Daten zu, und mit dieser Wendung verschiebt sich, was als wirklich gilt.
Das Digitale schafft keine andere Welt, wohl aber eine andere Evidenz: Es verwandelt Erfahrung in Berechnung und die Gegenwart in einen Prozess.

Wer in dieser Ordnung handeln will, muss das Denken erneuern.
Digitale Vernunft bedeutet nicht, Maschinen zu verstehen, sondern zu begreifen, was aus dem Menschen wird, wenn er die Maschinen versteht.
Sie verlangt einen Begriff von Freiheit, der sich nicht im Zugriff, sondern in der Fähigkeit zur Unterbrechung bewährt.
Denn nur, wer innehalten kann, bleibt fähig, zu urteilen.

 

Was bleibt, ist weder Anleitung noch Entwurf, sondern die Einsicht, dass Erkenntnis mit dem Abstand beginnt.
Im Schweigen vor der Antwort gewinnt das Denken seine Würde zurück.
Erst aus der Ruhe erwächst Urteil, und erst aus dem Urteil entsteht jene Handlung, die den Menschen sich als Maß seiner eigenen Welt begreifen lässt.