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Schulden sind kein Fortschritt

Schulden sind kein Fortschritt

Betrachtungen zur Lage · Ausgabe 9



Über fiskalische Disziplin in Zeiten des Vergessens


Man hat sich daran gewöhnt.
Schulden gehören heute zur politischen Normalität wie der Tagesordnungspunkt „Verschiedenes“ zu jeder Ausschusssitzung.
Sie heißen inzwischen Sondervermögen, Zukunftsfonds oder transformative Impulse.
Man gibt sie nicht aus, man mobilisiert Mittel.
Und wer auf die Einhaltung der Schuldenbremse pocht, gilt bestenfalls als gestrig, schlimmstenfalls als zukunftsfeindlich.

Dabei war die Idee fiskalischer Disziplin einst ein Ausweis politischer Mündigkeit.
Wer ausgab, musste begründen – und im Regelfall auch decken.
Das Prinzip war schlicht: erst verdienen, dann verteilen.
Heute jedoch herrscht das Gegenteil: erst verteilen, dann begründen, irgendwann konsolidieren – vorzugsweise nach der nächsten Wahl.

Gewiss gibt es Situationen, in denen staatliche Kreditaufnahme ökonomisch geboten ist: in tiefen Krisen, bei akuter Gefahrenabwehr, zur temporären Stabilisierung.
Doch diese Ausnahmen sind zur Regel geworden.
Was früher als Notmaßnahme galt, dient heute als Finanzierungsgrundlage – in guten wie in schlechten Zeiten.
Wachstum? Wird finanziert.
Klimapolitik? Wird finanziert.
Sozialausbau? Wird finanziert.
Alles aus der Zukunft und im Zweifel auf Kosten jener, die noch keine Stimme haben.

Verloren geht dabei das Bewusstsein für Begrenzung.
Schulden werden nicht länger als Last verstanden, sondern als Gestaltungsspielraum.
Dass jeder Euro Kredit künftig bedient werden muss – mit Zinsen, mit Steuern, mit Verzicht –, wird selten ausgesprochen.
Doch Kredit ist ein Vertrag mit der Zukunft.
Und wer fortlaufend Verträge eingeht, ohne sich an deren Bedingungen zu erinnern, handelt nicht fortschrittlich, sondern fahrlässig.

Besonders irritierend ist die moralische Überhöhung des Schuldenmachens.
Als wäre es ein Akt der Verantwortung, heute möglichst viel zu finanzieren – für Gerechtigkeit, für Investitionen, für das große Ganze.
In Wahrheit ist es ein Akt der Verlagerung: von Problemen, Risiken und Verantwortung.
Und in einer Demokratie ist dies gefährlich, weil sie davon lebt, dass politische Entscheidungen auch politische Kosten tragen – durch diejenigen, die sie treffen.

Schulden sind kein Verbrechen.
Aber sie sind ein Eingeständnis.
Und je selbstverständlicher sie werden, desto schwächer wird die politische Disziplin.
Die Versuchung ist groß, weil Schulden zunächst nicht schmerzen.
Doch am Ende stehen höhere Abgaben, geringere Handlungsspielräume und schwindendes Vertrauen – genau das, was man vermeiden wollte.


Bilanz

Wer Schulden macht, greift nicht in die Zukunft, er bucht sie ab.
Fiskalische Disziplin ist kein Selbstzweck, sondern Selbstschutz.
Fortschritt entsteht nicht durch Kredit, sondern durch Maß.