Zweigeteilte Konjunktur
Chinas Wachstum zwischen KI-Boom und Immobilienkrise
Chinas Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2026 schwächer gewachsen als erwartet. Das Bruttoinlandsprodukt lag um 4,3 Prozent über dem Vorjahreswert. Damit fiel die Wachstumsrate auf den niedrigsten Stand seit Ende 2022.
Im ersten Quartal hatte die Wirtschaftsleistung noch um 5,0 Prozent zugelegt. Für das erste Halbjahr ergibt sich ein Wachstum von 4,7 Prozent. Das offizielle Jahresziel von 4,5 bis 5,0 Prozent bleibt damit erreichbar, doch der Spielraum wird enger.
Angesichts der unterschiedlichen Wachstumsdynamik der einzelnen Branchen und Regionen empfiehlt es sich für Anleger, selektiv statt breit gestreut zu investieren.
Der Export ersetzt einen Teil der fehlenden Binnennachfrage
Die chinesischen Ausfuhren stiegen im Juni um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im ersten Halbjahr belief sich der Zuwachs auf 17,6 Prozent. Damit verhindert der Außenhandel bislang, dass die Schwäche der Binnenwirtschaft stärker auf das Gesamtwachstum durchschlägt.
Besonders dynamisch entwickelte sich die Ausfuhr von Halbleitern und Rechenhardware. China exportierte im ersten Halbjahr 179,44 Milliarden integrierte Schaltkreise im Wert von 177,28 Milliarden US-Dollar. Der Exportwert stieg gegenüber dem Vorjahr um mehr als 96 Prozent.
Auch die Ausfuhr von Computern, Servern, Speichern und weiteren Komponenten der automatischen Datenverarbeitung nahm um 41,3 Prozent auf 138,08 Milliarden US-Dollar zu. Die weltweite Nachfrage nach künstlicher Intelligenz stützt damit nicht nur einzelne Technologiekonzerne, sondern einen breiteren chinesischen Industriekomplex.
Für den Aktienmarkt bestätigt dies den Investitionszyklus bei Halbleitern, Servern, optischen Modulen, Rechenzentren, Stromversorgung und Kühlung. Hinzu kommen Robotik und industrielle Automatisierung. Die Exporte von Industrierobotern stiegen im ersten Halbjahr um 18,6 Prozent.
Die Binnenwirtschaft verliert weiter an Kraft
Der Exportboom verdeckt jedoch eine zunehmend schwache Binnenkonjunktur. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im Juni lediglich um 1,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Im Mai waren sie noch um 0,6 Prozent gefallen.
Die leichte Erholung beruht teilweise auf staatlichen Austauschprämien für Fahrzeuge und Haushaltsgeräte. Eine selbsttragende Konsumbelebung ist daraus noch nicht abzuleiten. Solange die Haushalte wegen fallender Immobilienpreise, unsicherer Einkommen und schwacher Vermögensentwicklung vorsichtig bleiben, dürfte der Konsum nur langsam wachsen.
Noch deutlicher fällt die Schwäche bei den Investitionen aus. Die Anlageinvestitionen gingen im ersten Halbjahr um 5,7 Prozent zurück. Von Januar bis Mai hatte der Rückgang erst 4,1 Prozent betragen.
Die chinesische Wirtschaft besitzt damit weiterhin erhebliche industrielle Kapazitäten. Es fehlt jedoch an einer hinreichenden Nachfrage, welche diese Kapazitäten im Inland auslastet.
Der Immobilienmarkt bleibt das größte Wachstumsrisiko
Die Immobilieninvestitionen sanken im ersten Halbjahr um 18 Prozent. In den ersten fünf Monaten hatte der Rückgang noch 16,2 Prozent betragen. Die Krise hat sich damit weiter verschärft.
Der Immobilienabschwung belastet sowohl die Bauwirtschaft als auch den privaten Verbrauch. Da ein großer Teil des Vermögens chinesischer Haushalte in Wohnungen gebunden ist, verringern fallende Immobilienpreise die Bereitschaft zu größeren Ausgaben.
Zugleich geraten die Einnahmen der lokalen Gebietskörperschaften unter Druck, weil Grundstücksverkäufe und immobilienbezogene Abgaben zurückgehen. Dadurch sinkt auch ihre Fähigkeit, neue Infrastrukturprojekte zu finanzieren.
Für Immobilienentwickler, Baustoffhersteller, Wohnungsausstatter und regional konzentrierte Banken bleibt die Lage deshalb ungünstig.
Die Industrie wächst schneller als die Gesamtwirtschaft
Die Industrieproduktion stieg im Juni um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit wuchs sie deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft.
Dieser Unterschied beschreibt das zentrale Ungleichgewicht: China produziert mehr, als die inländischen Haushalte und Unternehmen nachfragen. Ein wachsender Teil der Produktion muss deshalb im Ausland verkauft werden.
Solange die globale Nachfrage nach Halbleitern, KI-Hardware, Batterien, Elektrofahrzeugen und Robotern steigt, kann dieses Modell funktionieren. Es erhöht jedoch die Abhängigkeit von offenen Auslandsmärkten.
Je stärker chinesische Unternehmen ihre Überschüsse exportieren, desto größer wird das Risiko neuer Zölle, Handelsbeschränkungen und industriepolitischer Gegenmaßnahmen in den USA und Europa.
Peking dürfte gezielt reagieren
Die schwächeren Wachstumszahlen erhöhen den politischen Handlungsdruck. Ein breit angelegtes Konjunkturprogramm bleibt dennoch unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher sind zusätzliche Maßnahmen für den Konsum, die technologische Infrastruktur und den Immobilienmarkt.
Im Mittelpunkt dürften Rechenzentren, Stromnetze, Halbleiterproduktion, industrielle Automatisierung und weitere Bereiche der sogenannten neuen Infrastruktur stehen. Diese Investitionen könnten sowohl die kurzfristige Nachfrage stabilisieren als auch die technologische Leistungsfähigkeit erhöhen.
Die Sitzung des Politbüros in der letzten Juliwoche wird deshalb zur nächsten wichtigen Revisionsmarke. Für den Aktienmarkt wird entscheidend sein, in welchem Umfang die Regierung zusätzliche fiskalische Mittel mobilisiert und welche Branchen davon profitieren.
Welche Aktien profitieren?
Die Wachstumsdaten begünstigen vor allem Unternehmen, die vom globalen Investitions- und Exportzyklus profitieren. Dazu zählen:
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Halbleiterhersteller wie SMIC und Hua Hong Semiconductor
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Chipentwickler wie Cambricon und Hygon
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Serverhersteller wie Inspur
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optische Netzwerkausrüster wie Zhongji Innolight und Eoptolink
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Anbieter von Rechenzentrumskühlung wie Envicool
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Automatisierungsunternehmen wie Inovance und Estun
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Batterie- und Speicherhersteller wie CATL
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Wechselrichter- und Speicheranbieter wie Sungrow
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exportstarke Elektronikhersteller wie Foxconn Industrial Internet, Luxshare und Goertek
Alibaba und Tencent profitieren mittelbar, sofern die steigende KI-Nachfrage zu höheren Cloud-Umsätzen und besseren Margen führen wird. Die Exportdaten allein liefern dafür noch keinen Ertragsnachweis.
Welche Aktien bleiben belastet?
Kritisch zu überprüfen sind vor allem Unternehmen, deren Geschäft von der schwächelnden Binnenkonjunktur geprägt wird:
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Immobilienentwickler
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Baustoffhersteller
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Wohnungsausstatter
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Regionalbanken mit hoher Immobilienabhängigkeit
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Einzelhändler und Konsumunternehmen ohne Exportgeschäft
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Plattformunternehmen mit starker Binnenorientierung.
Kapitalmarktlicher Schlussbefund
China durchläuft einen Strukturwandel, der sich in zwei gegenläufigen Wachstumsgeschwindigkeiten niederschlägt: Einer außenwirtschaftlich getriebenen Hochtechnologie-Ökonomie steht eine binnenwirtschaftlich geprägte Old Economy gegenüber, die unter einer fortgesetzten Immobilienkrise und Nachfrageschwäche leidet.
Für Anleger bedeutet diese Zweiteilung, dass die makroökonomischen Kennzahlen zunehmend an Aussagekraft verlieren. Entscheidend wird stattdessen, auf welcher Seite der Wachstumsordnung ein Unternehmen operiert, unabhängig davon, wie sich das volkswirtschaftliche Gesamtwachstum entwickelt.
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