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Die Kriegsprämie

Die Rendite der Eskalation

Wie die Märkte den Irankrieg bepreisten


Irankrieg - Die Rendite der Eskalation | Dr. Wrede & Partner

Kapital, sagt der Quarterly Reviewer, flieht Tumult und Streit und ist ängstlicher Natur. Das ist sehr wahr, aber doch nicht die ganze Wahrheit. Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“ 

— Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen ÖkonomieErster Band. MEGA² II/5, S. 607 f.


I. Die Vorwegnahme der Eskalation

Wie politische Gefahren handelbar werden


Moderne Kriege gewinnen an den Kapitalmärkten häufig früher Gestalt als im öffentlichen Bewusstsein, weil die politische Gefahr dort zuerst als Wahrscheinlichkeit einer künftigen Preisbewegung erscheint. Während die Diplomatie der beteiligten Staaten noch darum ringt, ob sich durch eine glaubwürdige Drohung eine Vermittlung erzwingen lässt, wird an den Märkten bereits geprüft, welche Branchen durch eine militärische Eskalation unter Druck geraten würden, weil ihr Ertrag davon abhängt, dass Energie verfügbar bleibt und die Vorprodukte ihre Werke erreichen, ohne dass höhere Transportkosten die Kalkulation zerstören.

Der Iranfeldzug des Jahres 2026 zeigte diese Logik mit besonderer Schärfe, weil die militärische Eskalation am Kapitalmarkt bereits bewertet wurde, bevor der erste Angriff erfolgte. In der Vorphase verstärkte sich die politische Drohsprache, indem Truppen an den Persischen Golf verlegt wurden. Dadurch entstand ein Engpassrisiko, das sich in den Preisen niederschlug, sobald die Marktteilnehmer damit rechnen mussten, dass der schwelende Konflikt militärisch eskalierte.

Zugleich erhielt die politische Krise dadurch eine handelbare Form. Solange der Krieg nur als Möglichkeit im Raum stand, blieb das Risiko noch unbestimmt. Sobald aber die militärischen Bewegungen einen wahrscheinlichen Ablauf erkennen ließen, ging die Möglichkeit des Krieges in die Preisbildung ein, wobei Terminkontrakte den künftigen Rohstoffpreis vorwegnahmen, Optionsprämien die erwartete Schwankung verteuerten und Aktienkurse diejenigen Unternehmen belasteten oder begünstigten, deren Ertrag von der weiteren Eskalation abhing.

Damit verschiebt sich der Blick auf die Frage der Kriegsgewinne. In der öffentlichen Debatte werden sie gewöhnlich dort gesucht, wo sie in den Bilanzen großer Energieunternehmen sichtbar werden und deshalb politisch wie steuerlich greifbar erscheinen. Die ersten und schnellsten Renditen entstehen jedoch früher, weil eine politische Erwartung erst dort handelbar wird, wo Kapital bereitsteht, das Risiko tragen kann, und wo ein Informationsvorsprung so rechtzeitig in eine Marktposition übersetzt wird, dass der allgemeine Preis ihn noch nicht aufgenommen hat. 

Die deutsche Übergewinn-Debatte bleibt deshalb unvollständig, wenn der Kriegsgewinn als bloßer Nachlauf sichtbarer Konzerngewinne verstanden wird. Der moderne Kapitalmarkt verlegt die entscheidende Wertbildung an die Handelsplätze, an denen eine frühzeitige Erkenntnis nur dann wirksam wird, wenn risikotragfähiges Kapital aus ihr eine Position bildet, bevor der allgemeine Marktpreis denselben Zusammenhang abzubilden in der Lage ist. Dort liegt der eigentliche Tatort der Kriegsprämie.


II. Die Verdichtung der Wahrscheinlichkeit

Wie Krieg eine politische Drohung marktfähig macht


Die Eskalation gegen Iran fiel nicht aus dem heiteren Himmel. Sie kündigte sich an, weil militärische bedingte Handlungen und die politische Sprache eine Signalkette bildeten, die für professionelle Marktteilnehmer lesbar war. Als die amerikanische Drohkulisse dichter wurde und die USS Gerald R. Ford in Richtung des Persischen Golfs verlegte, entstand über das Nachrichtenereignis ein handelbares Signal.

Ein Flugzeugträger ist nicht nur ein militärisches Instrument. Er ist auch eine Botschaft an die Verbündeten, Gegner und Märkte.

Am 19. Februar berichtete Reuters, dass Trump Iran eine Frist von „10 bis 15 Tagen“ gesetzt habe und bei ausbleibender Einigung dem Iran mit schweren Folgen. Damit erhielt die Eskalationswahrscheinlichkeit eine zeitliche Form. Aus einer noch antizipierten Krise wurde ein politisch gesetzter Countdown. Für die Märkte war das entscheidend, weil das Risiko erst dann wirklich handelbar wird, wenn es eine Richtung, eine Frist und einen möglichen Auslöser besitzt.

Die Kapitalmärkte reagieren auf solche Signale nicht wie politische Kommentatoren. Sie moralisierten nicht, sie warteten nicht auf die abschließende Gewissheit und sie verlangten keine historische Einordnung. Sie begannen, Wahrscheinlichkeiten zu gewichten. Sobald die Drohung glaubwürdig erschien, stieg der Wert der Positionen, die von einem höheren Ölpreis, von steigender Volatilität, von fallenden Risikoanlagen oder von einer geopolitischen Neubewertung der Energieversorgung profitieren konnten. 

Damit entstand die eigentliche Kriegsprämie. Sie beruhte zunächst nicht auf zerstörter Infrastruktur, weil ihr Preis schon von der wachsenden Wahrscheinlichkeit der künftigen Zerstörung ausging. Der Markt zahlte für die Annahme, dass die Diplomatie scheitern und der Krieg Wirklichkeit werden könnte.


III. Der Kipppunkt

Wie die Antizipation in die Preisbildung umschlägt


Mit dem Beginn der „Operation Epic Fury“ am 28. Februar 2026 trat die Lage in eine neue Phase ein. Bis dahin war von den Märkten nur eine Wahrscheinlichkeit bewertet worden. Nun musste ein eingetretenes Ereignis neu eingeordnet werden, dessen Folgen nicht vollständig absehbar waren. Gerade dieser Umschlag von der Möglichkeit zur Wirklichkeit eines Krieges steuert die Preisbildung, weil sich Deutungskanäle verengen und die Märkte nun damit rechnen müssen, dass Gegenschläge die Energieversorgung oder die Seewege belasten.

Die Tötung Ali Khameneis und die Angriffe auf iranische Kommandozentralen wirkten deshalb nicht nur als eine militärische Handlung. Durch sie wurde die gesamte Risikokalkulation verändert, weil nun mit massiven Reaktionen des Iran gerechnet werden musste und jede mögliche Ausweitung des Konflikts die Versorgung des Weltmarkts belasten würde. Gleichwohl lässt jede Drohung noch Auswege offen. Ein Angriff gegen die Führung eines Staates zwingt jedoch die Märkte, die Folgekosten der Eskalation in Echtzeit einzuschätzen.

Der Ölpreis reagierte folglich nicht allein auf die Explosionen des ersten Kriegstages. Er reagierte auf die Frage, ob der Persische Golf zu einem unzuverlässigen Versorgungsraum geworden war. Sobald diese Frage im Raum steht, erhält das Öl wieder seine ursprüngliche politische Bedeutung. Denn es ist keine gewöhnliche Ware, deren Preis allein auf das Verhältnis von Angebot und Nachfrage reagiert. Es ist die operative Grundlage der Industriegesellschaft, weil der Transport, die industrielle Produktion und auch die militärische Logistik vom Ölpreis abhängen.

Der 28. Februar wurde daher zum Wendepunkt der Marktpreisbildung. Aus einer handelbaren Annahme wurde eine reale Belastung der Weltwirtschaft, deren Kosten nicht auf den Energiesektor begrenzt blieben. Da die Energiepreise in die Kosten vieler Wertschöpfungsketten eingehen, griff der Krieg über den Rohstoffmarkt hinaus in die Bewertung von Aktien, in die Erwartung künftiger Zinsen, in den Mechanismus der Inflation und die Risikomodelle der Investoren ein.


IV. Die Katharsis des Weltmarkts

Warum sichere Seewege die Weltwirtschaft beeinflussen


Die Straße von Hormus ist eine jener geographischen Engstellen, deren Bedeutung im Frieden unterschätzt und im Krieg plötzlich verstanden wird. Durch sie fließt ein erheblicher Teil der weltweiten Öl- und Gasversorgung. Die amerikanische Energy Information Administration bezifferte den Öldurchfluss durch Hormus im Jahr 2024 auf durchschnittlich rund 20 Millionen Barrel pro Tag. Die Internationale Energieagentur nennt für 2025 ebenfalls nahezu 20 Millionen Barrel pro Tag und verweist darauf, dass nur ein begrenzter Teil dieser Mengen über alternative Routen ersetzt werden kann.

Damit wird verständlich, weshalb ein regionaler Krieg globale Preise bewegen kann. Die Straße von Hormus ist nicht nur ein Seeweg. Sie ist ein Ventil des Weltmarkts. Sobald dieses Ventil blockiert, bedroht oder auch nur als unsicher wahrgenommen wird, steigen die Risikoprämien in mehreren Märkten zugleich. Das Öl wird teurer, die LNG-Ströme werden unsicherer, die Reedereien müssen höhere Versicherungsprämien einkalkulieren, die Frachtkosten steigen, die Raffinerien sichern ihre Liefermengen und Einkaufspreise früher ab, und die Industrieunternehmen rechnen mit höheren Vorleistungskosten.

Die Wirkung reicht deshalb weit über den Energiesektor hinaus. Ein höherer Ölpreis belastet die Verbraucher über die Kosten für Kraftstoff, Heizung und Transport sowie durch indirekte Kosten. Er belastet die Industrie, weil sowohl energetische als auch logistische Prozesse in fast jeder Wertschöpfungskette enthalten sind. Er belastet die Zentralbanken, weil neue Inflationsimpulse die Zinserwartungen verändern können. Und er belastet die Aktienmärkte, weil steigende Kosten und höhere Diskontsätze die Bewertung zukünftiger Gewinne mindern. 

Der Krieg am Golf traf daher nicht nur die Ölrechnung der Weltwirtschaft. Er traf ihre Kalkulationsgrundlagen.


V. Die Beweisgrenze auffälliger Ölgeschäfte

Warum präzises Timing noch keinen Insiderhandel beweist


Der brisanteste Teil dieser Geschichte liegt weniger im allgemeinen Anstieg der Ölpreise begründet als in den Geschäften, die kurz vor den politischen Nachrichten platziert wurden und deren Timing auffällig präzise wirkte. Wenn große Positionen wenige Minuten vor Entspannungsmeldungen eröffnet werden, entsteht zwangsläufig die Frage, ob der Markt nur besonders scharf analysierte oder ob einzelnen Akteuren Informationen vorlagen, die der übrige Markt noch nicht kannte.

Gerade an dieser Stelle ist begriffliche Disziplin notwendig, weil auffälliges Marktverhalten noch keinen Insiderhandel beweist. Ein hohes Handelsvolumen kurz vor einer politischen Meldung kann dadurch entstehen, dass eine Lage besser gelesen oder dass ein vorhandener Informationsvorsprung genutzt wurde. Es kann aber auch darauf zurückgehen, dass ein aggressives Risikomanagement zufällig mit der späteren Meldung zusammenfiel. Für die rechtliche Bewertung ist dieser Unterschied entscheidend. Für die ökonomische Analyse bleibt der Vorgang dennoch erheblich, weil er zeigt, wie wertvoll selbst kleine zeitliche Vorteile werden, sobald politische Entscheidungen Milliardenpreise bewegen.

Wer wenige Minuten früher erkennt, dass eine Eskalation ausgesetzt, eine Waffenruhe verlängert oder eine Seeenge offen gehalten wird, besitzt im Ölmarkt einen Vorteil, der sofort in Positionen übersetzt werden kann. Der Ölpreis ist in solchen Augenblicken nicht nur eine Notierung. Er verdichtet die Eskalationsspirale, weil jede Nachricht über Versorgungsengpässe und die Wahrscheinlichkeit eines Lieferausfalls die gesamte Risikokalkulation des Marktes verändert.

Damit zeitigt sich eine strukturelle Anfälligkeit moderner Finanzmärkte: Je schneller politische Entscheidungen in Preise übersetzt werden, desto wertvoller wird der Zugang zu Vorabinformationen. Die Frage lautet daher nicht allein, ob ein Markt effizient ist, weil er neue Informationen rasch in Preise aufnimmt. Sie lautet vielmehr, wer diese Effizienz zuerst nutzen kann, weil die Information für ihn bereits handelbar wurde, ehe sie im allgemeinen Marktpreis ankam.


VI. Der Halbleitersektor im Sog des Krieges

Warum ein Krieg am Golf auch die Chip- und KI-Aktien belastet


Während die Ölpreise stiegen und Energieaktien an relativer Stärke gewannen, gerieten Technologie- und Halbleiterwerte unter Druck. Auf den ersten Blick wirkt das erklärungsbedürftig, weil weder TSMC noch ASML noch Meta unmittelbar im Kriegsgebiet zu lokalisieren sind. Diese Unternehmen hängen jedoch an Voraussetzungen, die durch einen Krieg am Persischen Golf sehr wohl belastet werden können, weil ihre Wertschöpfung auf einer stabilen Energieversorgung beruht und weil ihre globale Produktionsordnung nur funktioniert, wenn die Seewege, Transportkosten und Finanzierungsbedingungen berechenbar bleiben.

Der Halbleitersektor reagiert besonders empfindlich, weil seine Produktionsordnung global, kapitalintensiv und zeitkritisch angelegt ist. Eine moderne Chipproduktion kann nur entstehen, wenn hochspezialisierte Maschinen rechtzeitig geliefert werden, wenn die chemischen Vorprodukte verfügbar bleiben, wenn die energieintensiven Reinräume betrieben und wenn die Investitionen über Jahre finanziert werden können. Sobald die Energiepreise steigen, die Frachtrouten unsicherer werden und die Investoren eine höhere geopolitische Risikoprämie verlangen, sinkt die Bereitschaft, weit in die Zukunft reichende Gewinnversprechen unverändert hoch zu bewerten.

Der Markt verkaufte in dieser Phase daher nicht nur die Sorge vor Ölknappheit. Er verkaufte zugleich die Annahme, dass die Zukunft teurer werden wird. Technologieaktien leben in besonderem Maß davon, dass Wachstumserwartungen in die Gegenwart abgezinst werden können, ohne dass die Kosten der Finanzierung diese Erwartung zerstören. Wenn diese Berechenbarkeit abnimmt, fällt der Bewertungsmultiplikator, auch wenn weder eine Fabrik getroffen noch eine Maschine zerstört wurde. 

Darin liegt eine wichtige Lehre für die Bewertung des KI- und Halbleiterzyklus. Die Börsenwerte dieser Unternehmen hängen nicht allein von Modellen, Chips und Rechenzentren ab. Sie hängen von Seewegen ab, deren Sicherheit die Lieferketten zusammenhält, von Energiepreisen, die den Betrieb der Anlagen bestimmen, von Versicherungsprämien, die den Transport verteuern können, und von Zinsen, die den Wert von künftige Gewinnen verändern. Der digitale Kapitalismus bleibt physisch gebunden, weil auch die anspruchsvollste Rechenleistung auf Strom, Anlagen, Transport und verlässliche Räume angewiesen ist.


VII. Integrierte Energieunternehmen

Wie Volatilität zum Handelsgewinn wird


Die europäischen Energieunternehmen profitierten in dieser Lage auf mehreren Ebenen, weil der höhere Ölpreis zunächst die Erwartung steigender Erlöse aus Förderung und Verkauf stützte. Damit ist ihre Rolle jedoch nur unvollständig beschrieben. Die großen integrierten Energieunternehmen verfügen über Handelsabteilungen, deren Bedeutung gerade dann wächst, wenn die Märkte durch Preissprünge in Bewegung geraten und wenn aus der Absicherung realwirtschaftlicher Risiken ein eigenständiger Ertrag entstehen kann.

Der Gewinn eines solchen Unternehmens entsteht in einer Krise daher nicht allein aus dem Besitz von Förderrechten oder Raffineriekapazität. Er entsteht auch aus der Fähigkeit, eine unruhige Welt in Handelsgewinn zu übersetzen. Wer Öl fördert, profitiert vom Preisniveau. Wer Öl zugleich handelt, kann zusätzlich von der Bewegung der Preise profitieren, weil regionale Unterschiede und verschiedene Liefertermine zu eigenständigen Ertragsquellen werden, sobald die Märkte ihren Gleichlauf verlieren.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die pauschale Formel vom Ölkonzern als Kriegsgewinnler analytisch zu grob erscheint, denn Shell, BP und TotalEnergies stehen nicht nur für die Förderung von Energie, sondern auch für die Macht des Handels. Ihre Trading-Desks können Volatilitäten nutzen, indem die Engpässe abgesichert und indem regionale Preisunterschiede ausgewertet werden, bevor sie sich wieder schließen. Solange die Märkte geordnet handeln, bleibt diese Fähigkeit im Hintergrund, weil sich die Preisunterschiede zwischen den Regionen und Lieferterminen nur begrenzt verändern. Sobald eine Krise diesen Gleichlauf aber aufbricht, gewinnt der Handel ein eigenes Gewicht, weil er aus der neu entstandenen Differenz eine Ertragsquelle bilden kann. 

Equinor nimmt in diesem Bild eine besondere Stellung ein, weil das Unternehmen als ein politisch stabile Energiequelle außerhalb der unmittelbaren Reichweite der aktuellen Konflikte gelesen werden kann. Wenn der Persische Golf wie Russalnd als Risikoraum erscheint, gewinnt die norwegische Energieversorgung an strategischem Gewicht. Der Markt bewertet dann nicht nur Barrel, Reserven und Cashflow. Er bewertet auch die Herkunft der Energie, weil ihre politische Verlässlichkeit in einer unsicheren Ordnung selbst zu einem ökonomischen Faktor geworden ist.


VIII. Die Fehlverortung der Übergewinne

Warum die Kriegsrenditen nicht in Konzernbilanzen entstehen


Die deutsche Übergewinn-Debatte leidet an einer falschen Ortsbestimmung. Sie sucht den Kriegsgewinn bevorzugt dort, wo er sichtbar, moralisch adressierbar und steuerpolitisch greifbar erscheint: bei großen Unternehmen, hohen Margen und steigenden Aktienkursen. Das ist nicht völlig falsch, aber die Debatte greift zu kurz. Die schnellsten und oft spektakulärsten Gewinne entstehen nicht erst in der Gewinn- und Verlustrechnung eines Energieunternehmens. Sie entstehen vorher in den Märkten, in denen das Risiko gehandelt wird.

Der Unterschied ist politisch bedeutsam. Eine Konzernbilanz zeigt den Nachlauf. Der Future zeigt die Erwartungshaltung. Die Option zeigt die Unsicherheit. Der Spread zeigt den Engpass. Die Volatilität zeigt die Angst. Wer nur die Bilanz betrachtet, sieht den Schatten der Preisbewegung, aber nicht ihren Ursprung. Er sieht das Ergebnis, aber nicht den Mechanismus.

Viele deutsche Politiker behandeln Märkte noch immer so, als seien sie nachgelagerte Registraturen realwirtschaftlicher Vorgänge. Moderne Kapitalmärkte sind jedoch vorgelagerte Erwartungsmaschinen. Sie warten nicht, bis ein Ereignis abgeschlossen ist. Sie zerlegen es in Wahrscheinlichkeiten, Laufzeiten, Risiken und Hebel. Daraus entsteht eine Form der Macht, die politisch schwer zu greifen ist, weil sie nicht im Bundestag, nicht im Ministerium und nicht in der Unternehmenszentrale sitzt, sondern in den globalen Handelsarchitekturen. 

Deshalb greift auch die Empörung über Übergewinne zu kurz, wo sie den Ort der Wertschöpfung verfehlt. Wer verstehen will, wer am Krieg verdient, muss nicht nur auf Shell, BP, TotalEnergies oder Equinor blicken, sondern auf die Futures, Optionen, Handelsbücher, Rohstoffhändler, Banken, Hedgefonds und Informationsflüsse. Dort wird die Eskalation zuerst in Geld verwandelt.


IX. Krieg als Renditeereignis

Wie die geopolitische Gefahr bepreist wird


Der Irankrieg war militärisch ein Gewaltakt, strategisch ein Ordnungsbruch und finanzmarktlich ein Renditeereignis. Diese Ebenen schließen einander nicht aus, weil sie unterschiedliche Wirklichkeiten desselben Vorgangs beschreiben. Ein Krieg zerstört Städte, verändert die Machtverhältnisse und setzt die Risikoprämien neu. Er tötet Menschen, erschüttert Staaten und schafft zugleich Handelsgelegenheiten. Gerade diese Gleichzeitigkeit macht ihn für die politische Urteilskraft so unbequem.

Die Zumutung liegt nicht darin, dass Märkte auf Krieg reagieren. Ein Markt, der Energieknappheit, Lieferausfälle und Transportrisiken nicht einpreist, wäre blind. Die Zumutung liegt darin, dass moderne Märkte politische Gewalt mit einer Geschwindigkeit und Präzision verarbeiten, die der öffentlichen Debatte weit voraus ist. Während die Parlamente noch nach Verantwortlichen suchen, sind die entscheidenden Positionen häufig bereits eröffnet, abgesichert und glattgestellt.

Der Irankrieg offenbart deshalb eine doppelte Schwäche. Die erste verkörpert eine politische Klasse, die die Kapitalmärkte oft moralisch kommentiert, ohne die technische Funktionsweise jener Preisbildung hinreichend zu verstehen, durch die politische Gefahr handelbar wird. Die zweite verkörpert eine Öffentlichkeit, die den Kriegsgewinn noch immer am sichtbaren Unternehmensgewinn festmacht und deshalb zu spät erkennt, dass die eigentliche Kriegsprämie bereits früher entstanden ist. 

Für die Märkte begann der Krieg nicht erst mit dem ersten Einschlag. Er begann, sobald die Eskalation wahrscheinlich genug wurde, um bepreist zu werden. Von diesem Moment an war die Straße von Hormus nicht nur ein Schauplatz der Machtpolitik. Sie wurde ein Basiswert. Genau darin liegt die Kälte der modernen Kapitalmärkte: Die politische Gefahr wird handelbar, sobald aus der Unsicherheit ein Preis entsteht, weil dieser Preis eine Position am Kapitalmarkt ermöglicht, deren Gewinn davon abhängt, dass die Eskalation früher erkannt wird, als sie im allgemeinen Bewusstsein angekommen ist.


Zeittafel

Wie die Märkte den Irankrieg bepreisten


Datum Politisches oder militärisches Ereignis Marktlogik
13. Februar 2026 Die Verlegung der USS Gerald R. Ford in Richtung Persischer Golf wurde als Eskalation der amerikanischen Drohkulisse wahrgenommen. An den Märkten stieg die Eskalationsprämie, weil die Verlegung der Trägerkampfgruppe die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Eskalation erhöhte.
19./20. Februar 2026 Donald Trump setzte Iran eine Frist von „10 bis 15 Tagen“ und drohte bei ausbleibender Einigung mit schweren Folgen. Aus der allgemeinen Krise wurde ein politisch gesetzter Countdown, weil die Frist den Märkten erlaubte, die Eskalation nicht länger als unbestimmte Gefahr, sondern als zeitlich fassbares Risiko zu bepreisen.
28. Februar 2026 Mit der Operation Epic Fury begann der Krieg. Mit der Ausschaltung Ali Khameneis und den Schlägen gegen iranische Führungs- und Kommandoeinrichtungen ging die Drohkulisse in eine operative Kriegslage über. Mit dem Kriegsbeginn verlagerte sich die Preisbildung von der bloßen Wahrscheinlichkeit zur Folgekalkulation eines eingetretenen Ereignisses, weil jede Ausweitung des Konflikts die Energieversorgung verteuert und die Sicherheit der Seewege durch eine höhere Risikoprämie belastet hätte.
23. März 2026 Rund 15 Minuten, bevor Trump ankündigte, geplante Angriffe auf das iranische Stromnetz zu verschieben, wurden Wetten von fast 600 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise platziert. Die Erwartung einer Deeskalation wurde handelbar, weil der verschobene Angriff die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Eskalation senkte und damit den Teil des Ölpreises belastete, der zuvor als Kriegsprämie aufgebaut worden war.
7. April 2026 Wenige Stunden vor der von Trump verkündeten temporären Waffenruhe wurden Wetten über rund 960 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise platziert. Die Waffenruhe verringerte die Wahrscheinlichkeit eines Versorgungsengpasses, sodass eine Positionierung auf fallende Ölpreise plausibel erschien.
17. April 2026 Rund 20 Minuten, bevor Irans Außenminister Abbas Araghchi mitteilte, die Straße von Hormus sei offen, setzten Händler etwa 760 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise. Die vom Iran eingeschränkt freigegebene Passage durch die Straße von Hormus senkte das eingepreiste Versorgungsrisiko, weil der Markt den wichtigsten maritimen Engpass des Ölhandels damit nicht mehr als vollständig geschlossen bewerten musste.
21. April 2026 Rund 15 Minuten, bevor Trump die Verlängerung der Waffenruhe ankündigte, folgte eine weitere Serie von Wetten über 430 Millionen Dollar auf fallende Ölpreise. Die Verlängerung der Waffenruhe stabilisierte die Deeskalationserwartung, wodurch die Risikoprämie im Ölpreis weiter abgebaut werden konnte.

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