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Im Osten nichts Neues

Das gläserne Gefechtsfeld

Notizen eines ukrainischen Frontsoldaten 2022–2026


Das gläserne Gefechtsfeld | Dr. Wrede & Partner

Gastbeitrag 

Die vorliegenden Aufzeichnungen stammen von einem externen Autor und wurden der Redaktion zur Veröffentlichung überlassen. Sie dokumentieren Erfahrungen aus dem Einsatzraum und geben einen unmittelbaren Einblick in die Bedingungen des gläsernen Gefechtsfeldes. Der Text versteht sich als persönlicher Bericht und als Beitrag zur Einordnung der veränderten taktischen Wirklichkeit. Redaktion und Herausgeber machen sich die abschließende inhaltliche Bewertung des Autors nicht zu eigen.


Im Osten nichts Neues

Frontnotizen


Im Jahr 2022 fuhren wir am hellen Tag mit einem gewöhnlichen Kleinbus zu unseren Infanteriestellungen im Raum Donezk. Gefechtsfahrzeuge wie Schützenpanzer standen meiner neu aufgestellten Brigade schlicht nicht zur Verfügung.

Die Entfernung zwischen unserem Absetzpunkt und den russischen Kräften betrug weniger als zwei Kilometer. Auf den letzten zehn Minuten jagten wir mit Höchstgeschwindigkeit über eine aufgerissene Straße, während links und rechts von uns 82-mm-Mörsergranaten einschlugen. Die Situation war von einer eigentümlichen Spannung geprägt.

Mehrmals täglich näherte sich ein russischer Kampfpanzer bis in die direkte Feuerreichweite und schoss ohne erkennbare Zurückhaltung auf unsere Stellungen. Besonders belastend war es, wenn er nicht allein auftrat, sondern von ein oder zwei weiteren Panzern begleitet wurde. Die Zahl der Soldaten mit Gehirnerschütterungen stieg entsprechend. Damals waren wir jung und körperlich belastbar und nahmen dies hin. Die langfristigen Folgen zeigen sich erst später.

Im Jahr 2023, als ich in einer Mörserbatterie diente, verlegten wir erst nach Einbruch der Dunkelheit, meist spät in der Nacht und ohne Licht. Jede Bewegung erfolgte mit größter Sorgfalt. Die gut getarnte Stellung unseres 120-mm-Mörsers erlaubte es uns, die Infanterie bei Angriffen wirksam zu unterstützen und gegnerische Vorstöße auf unsere Positionen zu stoppen.

Nur ein einziges Mal, während eines intensiven Feuereinsatzes zur Abwehr eines russischen Angriffs, hörte ich plötzlich Geschosse vorbeizischen und Äste herabbrechen. Zunächst deutete ich dies als unkoordiniertes Feuer der eigenen Infanterie. Erst später stellte sich heraus, dass unsere Verteidigung in diesem Moment bereits zusammengebrochen war, dass die Infanterie ihre Stellungen aufgegeben hatte und dass sich zwischen unserer Stellung und den russischen Kräften niemand mehr befand. Das Feuer richtete sich gegen uns. Drohnenbediener sicherten jedoch unsere Stellung. Gemeinsam mit ihnen konnten wir mehrere Angriffe durch präzises Mörserfeuer abweisen, ohne zu wissen, dass wir faktisch ohne vorgeschobene Sicherung kämpften.

Im Jahr 2024 erreichten wir unsere Stellung weiterhin bei Nacht und ohne Licht. Das Entladen erfolgte innerhalb von fünfzehn Sekunden, anschließend liefen wir in einen getarnten Unterstand, um der Aufklärung durch Drohnen zu entgehen. Wir schossen nur dann, wenn es zwingend erforderlich war, und verließen den Unterstand über Tage hinweg nicht.

Im Jahr 2025 berichtete mir ein Kamerad, der als Zugführer in einer Sturmbrigade diente, dass seine Soldaten vier bis fünf Kilometer vom Absetzpunkt zu Fuß in ihre Stellung gehen mussten. Die Zufahrt mit Fahrzeugen war bereits hochgefährlich. Trotz allem gelang es ihnen, einen Mörser einzusetzen, den sie in einer getarnten, gedeckten Stellung mit verschiebbarer Abdeckung eingerichtet hatten.

Im Jahr 2026 legen seine Soldaten zwanzig Kilometer zu Fuß zurück, wobei sie sämtliche Grundsätze der Tarnung beachten. Ein Heranführen mit Fahrzeugen ist nicht mehr möglich, da diese bereits in einer Entfernung von zehn Kilometern zerstört werden. Der Einsatz eines Mörsers ist praktisch ausgeschlossen. Genauer gesagt: Er ist möglich, jedoch nur ein einziges Mal.


So übt man den Krieg von gestern


Es ist das Jahr 2026, und ich sehe Aufnahmen von Übungen einer europäischen Armee, in denen Soldaten den Einsatz von Mörsern als geschlossene Batterie trainieren, nebeneinander aufgestellt, in enger Formation und im offenen Gelände. 

Ein Teil der Beobachter zeigt kein Verständnis dafür, wie das Gefechtsfeld der Gegenwart tatsächlich beschaffen ist.