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Erfahrung als Geschäftsmodell

Die Portfolio-Karriere

Die zweite Laufbahn erfahrener Führungskräfte


Portfolio-Karrieren erfahrener Führungskräfte | Dr. Wrede & Partner

Der Arbeitsmarkt für Spitzenführungskräfte verändert sich seit einigen Jahren sichtbar. Ehemalige Vorstände, Geschäftsführer und Bereichsleiter berichten, dass Suchprozesse für Spitzenpositionen länger dauern als früher. Das liegt selten an mangelnder Kompetenz. Entscheidend ist, dass Unternehmen Führungsrollen enger, befristeter und stärker auf konkrete Veränderungsaufgaben zuschneiden.

Neben die klassische Festanstellung tritt dadurch ein zweites Modell: die unternehmerische Nutzung von Führungserfahrung in mehreren Mandaten. Sie kann als Beratung, Interim-Management, Beiratsfunktion, Operating-Partner-Rolle oder Beteiligung ausgestaltet sein. Für erfahrene Manager entsteht damit keine Notlösung nach der Linienkarriere, sondern eine eigenständige zweite Laufbahn. 


I. Der veränderte Markt für Spitzenführungskräfte


Unternehmen suchen weiterhin Erfahrung, Urteilskraft und Führungskompetenz. Sie binden diese Fähigkeiten jedoch nicht mehr zwingend an eine dauerhafte Linienfunktion. Viele Aufgaben entstehen heute in Transformationsprojekten, in Restrukturierungen, bei der operativen Unterstützung von Investoren oder in zeitlich begrenzten Führungsmandaten. 

Diese Verschiebung verändert die Logik des Marktes. Wer früher auf die nächste Vorstandsfunktion oder Geschäftsführung wartete, kann seine Erfahrung heute auch in mehreren Rollen parallel einsetzen. Damit entsteht ein Karrierepfad, der weniger hierarchisch und stärker unternehmerisch geprägt ist.


II. Das Modell der Portfolio-Karriere


Die Harvard Business Review beschreibt diese Entwicklung mit dem Begriff der Portfolio Career. Gemeint ist eine berufliche Laufbahn, die nicht mehr auf eine einzelne Organisation ausgerichtet ist, sondern aus mehreren beruflichen Rollen besteht

Typische Rollen einer Portfolio-Karriere sind:

  • Beratungsmandate

  • Beirats- oder Aufsichtsratsfunktionen

  • Interim-Management

  • Beteiligungen an Unternehmen

  • Lehr- oder Mentoringtätigkeiten

Der gemeinsame Kern dieser Tätigkeiten besteht darin, dass Führungserfahrung nicht mehr ausschließlich innerhalb einer festen Linienfunktion gebunden ist. Sie wird über mehrere Organisationen, Aufgaben und Entscheidungsräume hinweg eingesetzt. Dadurch entstehen größere Gestaltungsspielräume, aber auch höhere Anforderungen an Profil, Akquisition und Selbstführung.


III. Operating Partner und Private Equity


Eine zweite Entwicklung beschleunigt diesen Wandel. Private-Equity-Gesellschaften verlagern einen Teil ihrer Wertsteigerungslogik in die operative Arbeit an den Beteiligungen. Investoren richten ihren Blick stärker auf operative Verbesserungen in den Portfoliounternehmen. Finanzielle Strukturmaßnahmen bleiben wichtig, reichen aber in vielen Fällen nicht mehr aus, um die Renditeziele zu erreichen.

Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen:

  • längere Haltedauern von Beteiligungen

  • steigende Kaufpreise bei Unternehmensübernahmen

  • höhere Anforderungen an die operative Transformation .

Erfahrene Manager übernehmen deshalb eine zentrale Rolle. Sie unterstützen Portfoliounternehmen bei der Transformation von Geschäftsmodellen, bei Effizienzprogrammen, bei der Internationalisierung, bei Führungsfragen und beim Aufbau robuster Steuerungsstrukturen. 

Damit verschiebt sich auch die Nachfrage nach Seniorität. Gesucht wird nicht allein der ehemalige Titelträger, sondern die Fähigkeit, unter Zeitdruck eine operative Wirkung zu erzeugen.


IV. Der Markt unabhängiger Führungskräfte


Auch außerhalb der Private-Equity-Welt wächst seit einigen Jahren der Markt für unabhängige Führungskräfte. Unternehmen greifen zunehmend auf Interim-Manager, unabhängige Berater und projektbezogene Führungskräfte zurück.

Mehrere Faktoren treiben diese Entwicklung:

  1. Transformation der Geschäftsmodelle in vielen Branchen

  2. Zeitkritische Veränderungsprogramme

  3. Bedarf an spezialisierter Führungserfahrung

  4. Flexibilisierung organisatorischer Führungsstrukturen 

In diesem Umfeld zählt Erfahrung dort, wo die operative Führung unter Druck geraten ist: bei Restrukturierungen, Wechseln im Geschäftsmodell, Konflikten im Management, knappen Finanzmitteln und kritischen Personalentscheidungen. Fachwissen allein reicht dafür nicht aus. Entscheidend ist, wer in solchen Lagen bereits geführt hat, die politischen Kräfte in einer Organisation erkennt und aus der Komplexität heraus die richtigen Schritte ableitet.


V. Selbstständigkeit als zweite unternehmerische Karriere


Vor diesem Hintergrund entscheiden sich immer mehr ehemalige Top-Manager bewusst für eine zweite unternehmerische Karrierephase.

Diese Tätigkeit unterscheidet sich deutlich von der klassischen Einzelberatung eines unabhängigen Beraters. Sie beruht weniger auf dem Verkauf einzelner Beratungstage als auf der Bündelung von Erfahrung, Netzwerk und institutionellem Zugang. 

Viele erfahrene Führungskräfte arbeiten heute

  • in Partnerschaft mit etablierten Beratungsunternehmen

  • in spezialisierten Transformationsnetzwerken

  • als Operating Partner für Investoren

  • in mehreren Mandaten zugleich.

Der Vorteil dieses Modells liegt in der Verbindung aus persönlicher Erfahrung und institutioneller Struktur. Eine etablierte Marke, ein belastbares Netzwerk und eine gemeinsame Plattform erleichtern den Zugang zu Mandaten und senken die Risiken des Alleingangs.


VI. Voraussetzungen einer erfolgreichen Portfolio-Karriere


Die unternehmerische Nutzung eigener Erfahrung gelingt jedoch nicht automatisch. Erfolgreich wird dieses Modell meist nur unter bestimmten Voraussetzungen:

  • Sie braucht ein klares Wertversprechen. Langjährige Erfahrung allein genügt nicht. Entscheidend ist, welche konkreten Probleme eine Führungskraft lösen kann.
  • Sie braucht ein belastbares Netzwerk. Mandate entstehen häufig aus gewachsenen Kontakten zu Investoren, Unternehmern, Aufsichtsräten und früheren Führungskollegen.
  • Sie braucht eine institutionelle Einbindung. Viele erfolgreiche Portfolio-Karrieren entstehen nicht isoliert, sondern in Partnerschaft mit Beratungen, Investoren, Beiräten oder spezialisierten Netzwerken.
  • Sie braucht eine unternehmerische Haltung. Der Wechsel aus der Linienfunktion in eine unabhängige Rolle verändert das berufliche Selbstverständnis. Sichtbarkeit, Positionierung, Akquisition und Risikobereitschaft werden Teil der Aufgabe.

VII. Ausblick


Dauerhafte Linienpositionen bleiben wichtig. Zugleich entsteht ein wachsender Markt für befristete, projektbezogene und transformationsorientierte Führungsrollen. Für erfahrene Manager eröffnet diese Entwicklung eine zweite Perspektive. 

Führungserfahrung kann heute nicht nur innerhalb einer einzelnen Organisation wirksam werden, sondern über mehrere Unternehmen, Investoren und Veränderungsprogramme hinweg.

Die eigentliche Herausforderung besteht darin, daraus ein klares Angebot, eine glaubwürdige Rolle und ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Für viele Führungskräfte beginnt an diesem Punkt eine neue unternehmerische Laufbahn. Sie knüpft an die bisherige Karriere an, folgt aber einer anderen Logik.


Kommentiertes Quellenverzeichnis


Arthur, Michael B.; Rousseau, Denise M. (1996): The Boundaryless Career: A New Employment Principle for a New Organizational Era. Oxford University Press.
Grundlegendes Werk zur Theorie moderner Karrieren. Die Autoren zeigen, dass berufliche Laufbahnen zunehmend organisationsübergreifend verlaufen und sich aus mehreren Tätigkeitsfeldern zusammensetzen.

Bain & Company (2026): Global Private Equity Report.
Der Bericht analysiert Strukturveränderungen im internationalen Private-Equity-Markt. Hervorgehoben wird die wachsende Bedeutung dere operativen Wertsteigerung in Portfoliounternehmen, wodurch erfahrene Manager als Operating Partner an Bedeutung gewinnen.

Cappelli, Peter (2020): The Future of the Office? Work, Jobs and Careers after the Pandemic. Harvard Business Review Press.
Cappelli untersucht Veränderungen der Arbeitsorganisation und zeigt, wie projektbasierte Arbeit und flexible Rollenmodelle traditionelle Karrierepfade zunehmend ersetzen.

Handy, Charles (1989): The Age of Unreason. Harvard Business School Press.
Handy prägte früh die Vorstellung des „Portfolio Workers“. Er beschreibt eine Arbeitswelt, in der erfahrene Fach- und Führungskräfte ihre Kompetenzen in mehreren Rollen gleichzeitig einsetzen.

Harvard Business Review. Rinne, April (2021): Why You Should Build a “Career Portfolio” (Not a Career Path).
Der Beitrag beschreibt den Übergang von linearen Karrieremodellen zu Portfolio-Karrieren, in denen mehrere Rollen, Projekte und Tätigkeiten parallel ausgeübt werden.

Heidrick & Struggles (2026): The State of Interim Talent.
Eine internationale Studie zum Markt unabhängiger Führungskräfte. Sie dokumentiert die zunehmende Bedeutung von Interim-Managern, Advisors und projektbezogenen Führungskräften in Transformationsprozessen.

Kaiser, Robert B.; Kaplan, Robert E. (2006): The Deeper Work of Executive Development. Consulting Psychology Journal.
Die Autoren analysieren, wie Führungserfahrung und strategische Urteilskraft entstehen und weshalb erfahrene Führungskräfte besonders in Transformationssituationen wertvoll sind.

McKinsey & Company (2018): Private Equity Operating Groups and the Pursuit of Portfolio Alpha.
Die Studie beschreibt den wachsenden Einfluss operativer Teams in Private-Equity-Gesellschaften und zeigt, wie Investoren verstärkt auf operative Führungserfahrung setzen.

Sonnenfeld, Jeffrey A.; Ward, Andrew (2007): Firing Back: How Great Leaders Rebound after Career Disasters. Harvard Business School Press.
Die Studie untersucht Karrieren von Spitzenmanagern nach ihrem Ausscheiden aus großen Organisationen und zeigt verschiedene Wege neuer beruflicher Rollen. 

Spencer Stuart (2024): Talent Trends in Private Equity.
Die Analyse zeigt, dass Investoren zunehmend auf operative Führungskompetenz, Beiratsarbeit und Managementnetzwerke setzen, wodurch zusätzliche Rollen für erfahrene Führungskräfte entstehen.