· 

Drohnenkrieg in der Südukraine

Cherson unter Netzen

Urbane Schutzarchitektur im Zeitalter der FPV-Drohne


Drohnenkrieg bei Cherson | Dr. Wrede & Partner

471 Tage hielt der ukrainische Sergeant Serhii Tyschtschenko ohne Ablösung seine Stellung, ein Jahr und beinahe vier Monate unter ununterbrochener Bedrohung. Diese Dauer verdeutlicht, wie grundlegend sich die Bedingungen des Gefechts gewandelt haben. Der Gegner wirkt nicht allein an der Frontlinie, sondern bis tief in die operative Tiefe hinein. Kaum eine Bewegung entgeht der Beobachtung, jede erkannte Stellung kann zum Ziel werden. Aufklärung und Feuer bilden eine geschlossene Kette, in der zwischen Wahrnehmung und Wirkung nur noch wenig Zeit vergeht.

Vor den russischen Linien erstreckt sich ein Raum, der bis zu dreißig Kilometer in die Tiefe reicht und von Drohnen sowie elektronischer Aufklärung beherrscht wird. Die gegnerischen Systeme erfassen Bewegungen, übermitteln Zielangaben und leiten den Angriff nahezu ohne Verzögerung ein. Das Gelände bietet nur noch eingeschränkten Schutz, weil die technischen Reichweiten den rückwärtigen Raum einbeziehen und selbst vermeintlich sichere Abschnitte unter Wirkung stellen.

Russische FPV-Drohnen werden über Glasfaserkabel von bis zu vierzig Kilometern Länge gesteuert. Diese kabelgebundene Führung entzieht sich der Störung durch Funkmittel und sichert eine stabile Verbindung zwischen Bediener und Wirkmittel. Die Drohne verharrt verdeckt am Straßenrand, steigt beim Annähern eines Zieles auf und trifft unmittelbar. Ihre vergleichsweise geringen Herstellungskosten stehen in deutlichem Gegensatz zu der Zerstörungswirkung, die sie entfaltet. Auf diese Weise verengt sich der Bewegungsraum der eingesetzten Kräfte Schritt für Schritt.

Die Truppe richtet ihr Handeln auf diese Lage aus. Kann ein Verwundeter seine Stellung nicht selbst verlassen, setzt der Zugführer ein unbemanntes Bodenfahrzeug zur Bergung ein. Misslingt der Versuch, entscheidet die Wetterlage über das weitere Vorgehen. Dichter Nebel ermöglicht für kurze Zeit verdeckte Bewegungen und eröffnet ein enges Zeitfenster für die Verlegung. Die Führung wägt Risiko und Notwendigkeit sorgfältig gegeneinander ab, bevor sie den Befehl gibt.

Auch im urbanen Raum zeigt sich diese Entwicklung. In Cherson leben noch rund 60.000 Menschen unter täglichem Beschuss. Im Jahr 2025 wurden dort 235.000 Artillerieeinschläge sowie etwa 100.000 Drohnenangriffe verzeichnet. 307 Menschen kamen ums Leben, rund 40.000 Gebäude wurden zerstört oder schwer beschädigt. Die Zahlen geben eine Vorstellung von der Intensität, mit der der Krieg in den zivilen Raum hineinwirkt.

Die regionale Führung ließ drei Lagen von Fischernetzen mit Maschenweiten zwischen 25 und 150 Millimetern über zentrale Verkehrsachsen und Krankenhäuser spannen. Etwa 100 Straßentunnel und 14 Kliniken stehen unter diesem Schutz. Die Netze werden vor ihrem Einsatz gefroren, Hitze ausgesetzt und auf Belastbarkeit geprüft, um ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Nach Angaben der Verwaltung werden etwa 95 Prozent der anfliegenden Drohnen abgefangen. Vom Haushalt des Jahres 2026 in Höhe von 46 Millionen US-Dollar fließen rund 43 Prozent in Netzinfrastruktur und Befestigungsmaßnahmen.

Die Zahlen verdeutlichen zugleich die ökonomische Verschiebung des Gefechts. Eine FPV-Drohne im Wert weniger hundert Euro kann ein gepanzertes Fahrzeug im Wert mehrerer Millionen Euro zerstören. Berichte aus dem Jahr 2025 gehen davon aus, dass Drohnen in einzelnen Abschnitten bis zu 80 Prozent der Verluste verursachen. Für die russischen Streitkräfte wurden im Dezember Verluste in der Größenordnung von rund 35.000 Soldaten gemeldet. Bezogen auf die in diesem Zeitraum erzielten Geländegewinne entspricht dies rechnerisch etwa 156 Soldaten pro gewonnenem Quadratkilometer.

Der Befund ist klar. Die Ausdehnung der technischen Reichweiten, die Verkürzung der Entscheidungszeiten und die Verschiebung der Kostenrelationen verändern das Gefecht in seiner Tiefenstruktur. Wer unter diesen Bedingungen zu handeln hat, muss seine Verfahren, seine Ausbildung und seine Ausstattung darauf ausrichten.

Quelle:
Financial Times, Technology proving ground: war in Ukraine reaches new level, veröffentlicht am 24. Februar 2026.