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Gasspeicher im Winter 2025/26

Versorgungssicherheit?

Zur Belastbarkeit des deutschen Energiesystems



Der Füllstand der deutschen Gasspeicher ist im Winter 2025/26 ein zentraler Indikator für die kurzfristige Belastbarkeit des Energiesystems. Zu Beginn des Jahres 2026 lag der Füllstand bei rund 57 Prozent. Am 12. Januar 2026 meldete die Bundesnetzagentur 47 %, während für den 20. Januar Werte knapp über 40 % berichtet werden. Unter den gegenwärtigen Wetterbedingungen entleeren sie sich um etwa 0,8 bis 1,0 Prozentpunkte pro Tag. Setzt sich dieser Verlauf fort, ist bis Anfang Februar ein Absinken in Richtung der Marke von 30 Prozent möglich, der aus technischer Sicht besondere Aufmerksamkeit zukommt. 

Die Bedeutung dieser Schwelle ergibt sich aus physikalischen Zusammenhängen. Mit sinkendem Füllstand verringert sich der Gasdruck im Speicher, wodurch sich die Entnahmeleistung des Arbeitsgases schrittweise reduziert. In diesem Bereich wird die kurzfristige Bereitstellung größerer Mengen zunehmend anspruchsvoll.


1. Entwicklung und Struktur der Speicherstände


Die Aussagekraft der aktuellen Speicherstände erschließt sich erst im Zusammenhang mit den physikalischen Eigenschaften der Speicher und der tatsächlichen Entnahmedynamik. Mit sinkendem Füllstand verringert sich der Gasdruck im Untergrund, wodurch die technisch mögliche Entnahmeleistung des Arbeitsgases schrittweise zurückgeht. In diesem Bereich verliert der Speicher zunehmend seine Funktion als kurzfristig leistungsfähiger Puffer. Entscheidend ist daher nicht allein der prozentuale Füllstand, sondern die Kombination aus verbleibender Gasmenge, täglicher Ausspeiserate und der Fähigkeit, erhöhte Nachfrage über mehrere Tage hinweg zu bedienen. Je weiter der Füllstand absinkt, desto stärker verschiebt sich die Versorgungslast auf laufende Importströme und operative Steuerungsmaßnahmen im System.


2. Technische Funktion im Versorgungssystem


Gasspeicher sind kein autarkes Versorgungselement, sondern Teil eines Verbundsystems aus Importen, Netzen und Verbrauchssteuerung. Pipelinezuflüsse, insbesondere aus Norwegen, sowie LNG-Lieferungen sichern den kontinuierlichen Nachschub, während die Speicher Lastspitzen abfedern und zeitliche Ungleichgewichte ausgleichen. Bei hohen Füllständen können aus den deutschen Speichern täglich bis zu rund 1,0–1,2 Terawattstunden Gas entnommen werden, was einen wesentlichen Beitrag zur Deckung von Verbrauchsspitzen leistet. Sinkende Füllstände reduzieren diese Entnahmeleistung jedoch spürbar und erhöhen damit die Sensitivität des Systems gegenüber Witterung, Nachfrageschwankungen und Importverfügbarkeit. Die Versorgungslage lässt sich folglich nur im Zusammenspiel von Speicherstand, technischer Entnahmeleistung und laufenden Zuflüssen belastbar bewerten.


3. Versorgungssicherheit und winterliche Risikodynamik


Pipelineimporte, insbesondere aus Norwegen, sowie LNG-Lieferungen tragen fortlaufend zur Versorgung bei. An kalten Wintertagen liegt der gesamte Gasbedarf Deutschlands bei etwa 4,5 bis 5,0 TWh pro Tag. Davon stammen rund 3,0 TWh pro Tag aus Pipelineimporten, weitere 0,5 bis 1,0 TWh pro Tag aus LNG-Lieferungen. Die Differenz wird in solchen Phasen aus den Speichern gedeckt.

Ein niedrigerer Speicherstand bedeutet eine geringere saisonale Reserve und erhöht die Sensitivität gegenüber Kältewellen. Fachlich gilt ein Bereich unter etwa 30 Prozent als kritisch, weil dann die Entnahmeleistung spürbar nachlässt und die Bereitstellung der erforderlichen Mengen technisch schwieriger wird. 

Die Bundesnetzagentur bewertet die Versorgungslage derzeit als grundsätzlich gesichert, verweist jedoch weiterhin auf die Bedeutung von Vorsorge und sparsamem Verbrauch.


4. Risikobewertung im Winter


Ein niedrigerer Speicherstand bedeutet eine geringere saisonale Reserve und macht das System empfindlicher gegenüber längeren Kälteperioden. Besonders in solchen Phasen steigt der Verbrauch deutlich, während die Speicher schneller entleert werden. Die Speicher sind damit weniger ein Energiespeicher als eine Leistungsreserve, deren Bedeutung sich stunden- und tageweise entscheidet. 

Die Speicherentwicklung lässt sich deshalb nicht isoliert betrachten, sondern nur im Kontext von Verbrauch, Importfähigkeit und kurzfristigen Wetterlagen.


5. Ökonomische Implikationen


Niedrige Speicherstände wirken sich unmittelbar auf Marktpreise und Produktionsrisiken aus. Die europäischen Großhandelspreise reagieren sensibel auf Speicherbewegungen, während Endkundenpreise zeitverzögert folgen. Gleichzeitig greifen bei angespannten Lagen gesetzlich definierte Priorisierungsmechanismen. Die Haushalte und die kritische Infrastruktur werden vorrangig versorgt, während die industriellen Großverbraucher zuerst angepasst werden. 

Damit verlagert sich das Risiko in Richtung Produktion, Wertschöpfung und Lieferkettenstabilität. Kurzfristige Einschränkungen können sich entlang der industriellen Prozesse fortsetzen und die Standortbedingungen beeinflussen.


Fazit


Der Winter 2025/26 macht sichtbar, wie schmal die operative Reserve des deutschen Gasversorgungssystems geworden ist. Ein Füllstand von rund 40 Prozent zur Jahresmitte des Winters bedeutet, dass die Speicher ihre Rolle als saisonaler Puffer nur noch eingeschränkt erfüllen. Damit wächst die Abhängigkeit von laufenden Importströmen und stabilen Wetterverläufen.

Gleichzeitig zeigt sich, dass Versorgungssicherheit nicht an einem einzelnen Schwellenwert festzumachen ist. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus täglichem Gasbedarf, technisch verfügbarer Entnahmeleistung und der Fähigkeit des Systems, Lastspitzen über mehrere Tage hinweg zu tragen. In diesem Gefüge gewinnen kurzfristige Wetterlagen, Importflexibilität und Reservekapazitäten erheblich an Bedeutung.

Der aktuelle Verlauf wirkt damit weniger als isoliertes Winterphänomen denn als Belastungsprobe des Gesamtsystems. Er legt offen, wo strukturelle Spielräume bestehen und wo die Grenzen eines auf knappe Reserven ausgerichteten Energiesystems verlaufen. Diese Erkenntnisse sind für die Bewertung der Versorgungslage insgesamt und für die strategische Weiterentwicklung der Energiepolitik von zentraler Bedeutung.


Glossar


• Arbeitsgas
Der technisch entnehmbare Anteil des in einem Gasspeicher vorhandenen Erdgases. Dieses Gas steht für die laufende Versorgung zur Verfügung und kann je nach Füllstand und Druck kurzfristig entnommen werden.


• Backup-Leistung
Kurzfristig aktivierbare Erzeugungsleistung, die Lastspitzen oder wetterbedingte Ausfälle ausgleicht. Sie wird vor allem in Situationen benötigt, in denen reguläre Erzeugung aus Wind oder Sonne nicht ausreicht, etwa in kalten, windarmen Winterperioden.


• Durchschnittliche elektrische Dauerleistung
Rechnerische mittlere Leistung, die sich ergibt, wenn der jährliche Stromverbrauch gleichmäßig auf alle 8.760 Stunden eines Kalenderjahres verteilt wird. In Deutschland liegt diese Dauerleistung bei rund 60–65 Gigawatt.


• Energie
Über einen definierten Zeitraum verfügbare oder verbrauchte Strom- oder Gasmenge. Energie bestimmt, wie lange ein Versorgungssystem eine bestimmte Leistung aufrechterhalten kann, etwa über Tage, Wochen oder eine gesamte Heizperiode.


• Entnahmeleistung
Die technisch mögliche Gasmenge, die pro Zeiteinheit aus einem Speicher gefördert werden kann. Sie hängt vom Füllstand und vom Druck im Speicher ab und nimmt mit sinkendem Füllstand ab.


• Erzeugungskapazität
Installierte maximale Leistung von Kraftwerken oder Kraftwerksparks. Sie gibt an, wie viel elektrische Leistung theoretisch gleichzeitig bereitgestellt werden kann, unabhängig von tatsächlicher Verfügbarkeit oder Brennstofflage.


• Gasbedarf
Tatsächlich benötigte Gasmenge innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Relevant ist der Gasbedarf auf Tages-, Spitzen- und Winterbasis, da er stark von Witterung und industrieller Nutzung abhängt.


• Gasspeicher
Technische Anlagen zur saisonalen und kurzfristigen Speicherung von Erdgas. Sie dienen dazu, Verbrauchsschwankungen auszugleichen und in Phasen hoher Nachfrage zusätzliche Mengen bereitzustellen.


• Giga (G)
SI-Vorsatz für den Faktor eine Milliarde (10⁹). In der Energiewirtschaft kennzeichnet „Giga“ Größenordnungen, die für nationale Leistungsanforderungen typisch sind.


• Gigawatt (GW)
Eine Milliarde Watt elektrische Leistung. Die Einheit beschreibt, wie viel Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt gleichzeitig erzeugt oder verbraucht wird.

Deutschland verbraucht jährlich rund 480–500 Terawattstunden Strom. Verteilt man diese Energiemenge rechnerisch auf alle 8.760 Stunden eines Jahres, ergibt sich eine mittlere elektrische Dauerleistung von etwa 60–65 Gigawatt. In kalten Winterstunden steigt die gleichzeitig nachgefragte Leistung kurzfristig auf bis zu 80–85 Gigawatt. Diese Spitzenlast bestimmt die notwendige Auslegung von Kraftwerken, Netzen und Reserven.


• Importstrom / Importgas
Laufender Zufluss von Strom oder Gas aus dem Ausland. Diese Importe decken einen Teil des aktuellen Verbrauchs und reduzieren die notwendige Entnahme aus Speichern.


• Kissengas
Gasmenge, die dauerhaft im Speicher verbleibt, um den erforderlichen Druck für die Entnahme des Arbeitsgases sicherzustellen. Sie steht für die Versorgung nicht zur Verfügung.


• Lastabwurf
Gezielte Reduktion oder Unterbrechung des Energieverbrauchs bei bestimmten Abnehmern zur Stabilisierung des Gesamtsystems in angespannten Versorgungslagen.


• Leistung
Physikalische Größe, die angibt, wie schnell Energie umgesetzt wird. Leistung entscheidet darüber, ob der aktuelle Bedarf zu einem bestimmten Zeitpunkt gedeckt werden kann.


• Niedriglast
Phase geringen Strombedarfs, in der die benötigte elektrische Leistung deutlich unter dem Tages- oder Jahresmittel liegt, etwa nachts oder an Wochenenden.


• Operative Reserve
Kurzfristig verfügbare Energie- oder Leistungskapazität, die bei unerwarteten Verbrauchsspitzen oder Erzeugungsausfällen zur Stabilisierung des Systems eingesetzt wird.


• SI (Internationales Einheitensystem)
International verbindliches Maßsystem zur eindeutigen Definition physikalischer Einheiten und Vorsätze. Es stellt sicher, dass Leistungs- und Energiemengen weltweit vergleichbar sind.


• Spitzenlast
Kurzzeitig auftretender maximaler Leistungsbedarf des Stromsystems. In Deutschland wird die Spitzenlast typischerweise an kalten Winterabenden erreicht.


• Stromerzeugung
Laufende Produktion elektrischer Energie. Ihre Höhe schwankt zeitlich und hängt von der Verfügbarkeit der eingesetzten Erzeugungstechnologien ab.


• Tera (T)
SI-Vorsatz für den Faktor eine Billion (10¹²). „Tera“ wird verwendet, um große Energiemengen über längere Zeiträume darzustellen, etwa Monats- oder Jahresverbräuche.


• Terawattstunde (TWh)
Eine Billion Wattstunden Energie. Deutschlands jährlicher Stromverbrauch liegt bei rund 480–500 Terawattstunden. Eine Terawattstunde entspricht damit ungefähr dem Strombedarf Deutschlands für etwa eine Stunde bei winterlicher Spitzenlast.


• Versorgungssicherheit
Fähigkeit eines Energiesystems, Nachfrage jederzeit zuverlässig zu decken, auch unter wechselnden technischen, wirtschaftlichen und klimatischen Bedingungen.


• Watt (W)
Basiseinheit der Leistung. Sie gibt an, wie viel Energie pro Sekunde umgesetzt wird.


• Wattstunde (Wh)
Basiseinheit der Energie. Sie beschreibt die tatsächlich erzeugte oder verbrauchte Energiemenge über einen bestimmten Zeitraum.


• Winterlast
Erhöhter Energiebedarf in der kalten Jahreszeit infolge von Heizbedarf, industrieller Nachfrage und geringerer Einspeisung aus erneuerbaren Energien.


Kommentiertes Quellenverzeichnis


ACER – Agency for the Cooperation of Energy Regulators
Market Monitoring Reports
Analyse europäischer Gas- und Strommärkte, Preisentwicklungen und systemischer Risiken.
→ Markt- und Preisdimension der Speicher- und Versorgungslage.

AGSI+ (Gas Infrastructure Europe)
Aggregated Gas Storage Inventory
Zentrale europäische Datenbank zu Füllständen, Entnahmeraten und Speicherstrukturen aller EU-Gasspeicher. Liefert tagesaktuelle Prozentwerte, absolute Energiemengen in Terawattstunden sowie historische Vergleichsdaten.
→ Primärquelle für Speicherstände, Entleerungsraten und kritische Schwellen.

BMWK – Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
Energiesicherheitsberichte, Kraftwerksstrategie
Dokumentation politischer Planungen zu Gaskraftwerkskapazitäten, Reservekonzepten und Transformationspfaden.
→ Quelle für geplante zusätzliche Gaskraftwerksleistung in Gigawatt.

Bundesnetzagentur (BNetzA)
Lageberichte Gas und Strom, Monitoringberichte Energie
Offizielle Einschätzung der Versorgungslage in Deutschland. Enthält Angaben zu Importströmen, Priorisierungsmechanismen sowie zu Alarm- und Notfallstufen.
→ Rechts- und ordnungspolitischer Rahmen der Versorgungssicherheit.

ENTSOG – European Network of Transmission System Operators for Gas
Winter Supply Outlook, Transparency Platform
Bereitstellung von Daten zu Pipelineimporten, täglichen Gasflüssen, Grenzübergangspunkten und Kapazitätsauslastung.
→ Zentrale Quelle für tägliche Gaszuflüsse, insbesondere aus Norwegen.

Fraunhofer ISE – Energy Charts
Stromerzeugung und Last in Deutschland
Zeitlich hochaufgelöste Daten zur Stromlast, zu Erzeugungsprofilen und zu Lastspitzen.
→ Grundlage für Leistungsangaben in Gigawatt, insbesondere im Winter.

IEA – International Energy Agency
Gas Market Report, World Energy Outlook
Internationale Vergleichsdaten zu Gasverbrauch, saisonalen Schwankungen und Markttrends.
→ Einordnung nationaler Zahlen in den internationalen Kontext. 

Statistisches Bundesamt (Destatis)
Energieverbrauchsrechnung
Konsolidierte Jahresdaten zum Strom- und Gasverbrauch in Deutschland.
→ Referenz für Jahresverbräuche in Terawattstunden und strukturelle Entwicklungen.