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Fiskalische Realität der Migration

Fiskalische Realität der Migration

Eine Studie zur Struktur der Nettoeinkommen in Deutschland


Migration und fiskalische Realität | Dr. Wrede & Partner

I. Datenbasis und analytischer Rahmen

migrationsbezogene Bildungs- und Einkommensstrukturen


Die migrationspolitische Diskussion in Deutschland bewegt sich häufig im Feld normativer Erwartungen, die den Blick auf die strukturellen Grundlagen überlagern. Die Begriffe Fachkräftemangel, demografische Entlastung oder gesellschaftliche Bereicherung werden regelmäßig verwendet, doch die fiskalische Wirklichkeit, die aus der Einkommensverteilung erwächst, tritt gegenüber solchen Erwartungen zurück. Eine moderne Volkswirtschaft finanziert sich nicht durch abstrakte Zuschreibungen, sondern durch jene Gruppen, deren persönliches Nettoeinkommen einen stabilen Überschuss aus Steuern und Beiträgen erzeugt und damit die öffentlichen Haushalte trägt.

Die amtlichen Mikrozensusdaten und die Auswertungen der Universität St. Gallen zeigen für die ausländische Bevölkerung in Deutschland eine ausgeprägt bimodale Bildungsstruktur und eine deutliche Konzentration in den unteren Einkommensklassen. Wird ein persönliches Nettoeinkommen von etwa zweitausendfünfhundert Euro als jene Schwelle angesetzt, ab der ein positiver Nettobeitrag im Steuer- und Transfersystem erreicht wird, ergibt sich ein klarer Befund: Rund siebenundsiebzig Prozent der ausländischen Staatsangehörigen und etwa siebenundachtzig Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund liegen unterhalb dieser fiskalischen Zone. Nur die verbleibenden Anteile der jeweiligen Gruppen erreichen ein Einkommensniveau, das die öffentlichen Lasten im Nettosaldo mitträgt.¹

Dieser Befund beschreibt keine individuelle Leistungsfähigkeit, sondern die strukturelle Verteilung von Bildung, Erwerbsintensität und Einkommen innerhalb der betrachteten Gruppen. 

Die folgenden Kapitel ordnen diese empirische Ausgangslage in die fiskalische Struktur des deutschen Steuer- und Transfersystems ein. Sie zeigen, weshalb die Nettowirkung von Migration nicht isoliert aus dem Arbeitsmarkt heraus beurteilt werden kann, sondern aus der Kombination von Qualifikation, Erwerbsintensität und realem Nettoeinkommen entsteht. Erst in diesem Zusammenhang wird sichtbar, welche migrationspolitischen Entscheidungen die fiskalische Tragfähigkeit eines alternden Gemeinwesens stärken und welche sie schwächen.


II. Fiskalische Positionsbestimmung

Höhe und Struktur des persönlichen Nettoeinkommens


In Deutschland bestimmt nicht das Bruttoeinkommen die fiskalische Leistungsfähigkeit, sondern das verfügbare Nettoeinkommen, das Steuern und Pflichtbeiträge bereits abzieht. Unterhalb bestimmter Schwellen gleichen Transferleistungen, Freibeträge und beitragsfreie Mitversicherungstatbestände die eigene Abgabenlast vollständig aus.² 

Studien der OECD zeigen, dass erst mittlere und höhere Einkommen einen deutlichen Steuer- und Beitragsüberschuss erzeugen.³ Dieser Schwellenbereich liegt im deutschen System – abhängig von Familienstand und Haushaltsgröße – typischerweise in einer Zone zwischen etwa zweitausendfünfhundert und dreitausend Euro persönlichem Nettoeinkommen. Wer dauerhaft darunter liegt, trägt zwar formal bei, erreicht aber keinen positiven fiskalischen Saldo.


III. Einkommensvergleich

Personen mit und ohne Migrationshintergrund


Die Differenz zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund ist in den amtlichen Daten klar erkennbar.

Menschen mit Migrationshintergrund

  • erzielen im Durchschnitt niedrigere persönliche Nettoeinkommen,⁶

  • sind häufiger armutsgefährdet,⁷

  • sind seltener in den oberen Einkommensklassen vertreten,⁸

  • und befinden sich überdurchschnittlich oft in Haushalten mit geringer Erwerbsintensität.⁹ 

Diese Unterschiede ergeben sich aus mehreren Faktoren:

1. Bildungsabschlüsse und Qualifikationen

Laut Mikrozensus besitzen Eltern mit Einwanderungsgeschichte deutlich häufiger niedrige formale Bildungsabschlüsse als Eltern ohne Einwanderungsgeschichte.¹⁰ Bildungsniveau und späteres Einkommen korrelieren stark, weshalb geringere Qualifikationen dauerhaft zu niedrigeren Einkommen führen.

2. Erwerbsquoten und Teilzeitintensität 

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund liegt deutlich unter dem Durchschnitt.¹¹ Teilzeit und Nichterwerbstätigkeit wirken sich unmittelbar auf das persönliche Nettoeinkommen aus. 

3. Branchenstruktur 

Viele Migranten arbeiten in Branchen mit strukturell niedrigen Löhnen, etwa in der Logistik, Gastronomie oder im Einzelhandel.¹²

4. Repräsentation in hohen Einkommensgruppen

Aktuelle Studien zeigen, dass Personen mit Migrationshintergrund in den oberen Einkommensgruppen und insbesondere in der Einkommenelite klar unterrepräsentiert sind.¹³ 

Diese Faktoren bewirken, dass ein großer Teil der migrantischen Bevölkerung in Einkommensbereichen verbleibt, die unterhalb der fiskalischen Schwelle liegen.


IV. Fiskalische Nettowirkung der Migration

Nettobeiträge und Transfersystem


Unabhängige fiskalische Modellrechnungen kommen seit Jahren zu einem ähnlichen Ergebnis: Der durchschnittliche fiskalische Nettobeitrag von Migration ist im Aggregat gering und bewegt sich nahe null, teils leicht positiv, teils leicht negativ – abhängig von Herkunftsgruppen, Bildungsstand und Systemgrenzen.¹⁴

Besonders qualifizierte EU-Zuwanderer leisten hingegen nachweislich höhere Nettobeiträge, weil sie häufiger erwerbstätig sind und höhere Einkommen erzielen.¹⁵

Für Drittstaatenzuwanderung gilt dagegen, dass ein großer Teil der Zugewanderten in niedrigen Einkommenssegmenten verbleibt und damit stärker auf Transfers angewiesen ist.¹⁶

Da Transfersystem, Gesundheitskosten, Wohngeld, Kinderzuschläge und Rentenansprüche an die Einkommenssituation gekoppelt sind, entsteht im Saldo eine fiskalische Abhängigkeit von jenen Gruppen, die stabile mittlere und hohe Einkommen erzielen.


V. Die demografische Zäsur

Belastung, Erwerbsstruktur und fiskalische Folgen


Deutschland steht vor einer demografischen Zäsur. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, während die Zahl der Rentenbezieher steigt. Der Sachverständigenrat und das Bundesfinanzministerium weisen darauf hin, dass der finanzielle Druck auf die Sozialversicherungen ohne strukturelle Maßnahmen weiter zunimmt.¹⁷ 

Vor diesem Hintergrund kann Migration nur dann fiskalisch entlasten, wenn sie qualifiziert erfolgt. Niedrigqualifizierte Zuwanderung stabilisiert zwar kurzfristig den Arbeitsmarkt im unteren Segment, verbessert jedoch nicht die fiskalische Tragfähigkeit.


VI. Qualifizierte Zuwanderung

Leitlinien einer tragfähigen Ordnung


Aus der beschriebenen Struktur ergeben sich drei klare Handlungsfelder:

  1. qualifizierte Zuwanderung stärken,

  2. Bildungssystem konsolidieren,

  3. Transfersystem reformieren, sodass Arbeit und Aufstieg belohnt werden. 

Eine verantwortliche Migration muss sich an der Einkommensstruktur orientieren, weil nur ein größerer Anteil stabiler mittlerer und hoher Einkommen die fiskalische Basis eines alternden Landes verbreitern kann.


VII. Fiskalische Konsequenz

Leistungsfähigkeit des Gemeinwesens


Migration kann die öffentliche Finanzierungsbasis stärken, wenn sie qualifiziert erfolgt und Aufstieg ermöglicht. Sie schwächt sie, wenn sie überwiegend in niedrige Einkommenssegmente hineinwirkt. Die Daten des Jahres 2024 zeigen eine klare Differenz der Einkommensstrukturen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Diese Differenz beeinflusst unmittelbar die fiskalische Leistungsfähigkeit des Gemeinwesens. 

Eine moderne Migrationspolitik sollte daher der Wirklichkeit des Nettoeinkommens besondere Beachtung schenken, weil dort die finanzielle Grundlage des Staates entsteht.


Fußnoten


¹  Berechnungen auf Grundlage des Mikrozensus 2024 (Statistisches Bundesamt,

   Sonderauswertungen zu Bildungsstand und persönlichem Nettoeinkommen) sowie der

   darauf basierenden Analyse der Universität St. Gallen („Foreign talent – yes, but…“,

   Präsentationsdaten 2024). Die Zuordnung der Einkommensschwelle von 2 500 Euro

   persönlichem Nettoeinkommen zur fiskalischen Nettoposition folgt der in der St.-Gallen-

   Auswertung verwendeten Methodik.
²  Bundesministerium der Finanzen: Steuerprogression und Freibeträge, Berlin 2024.
³  OECD: Taxing Wages 2024, Paris 2024.
⁴  Statistisches Bundesamt: Verdienste und Einkommen, Fachserie 1, Reihe 3, Wiesbaden

    2024.
⁵  Bundesministerium der Finanzen: Einkommensteuerstatistik 2023, Berlin 2024.
⁶  DeStatis: Einkommen, Einkommen nach Migrationshintergrund, Sonderauswertung 2024.
⁷  Bundeszentrale für politische Bildung: Armutsgefährdung in Deutschland 2024.
⁸  IAB: Arbeitsmarktintegration und Einkommen von Migranten, Nürnberg 2023.
⁹  DIW: Armuts- und Reichtumsbericht, Berlin 2023.
¹⁰ BMFSFJ: Familien mit Einwanderungsgeschichte, Berlin 2024.
¹¹ IAB: Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Migrationshintergrund, Forschungsbericht 2022.
¹² Bundesagentur für Arbeit: Beschäftigungsstatistik – Branchenvergleich, Nürnberg 2024.
¹³ SVR Forschung: Migranten in der ökonomischen Elite, Berlin 2023.
¹⁴ IAB: Fiskalische Nettoeffekte von Migration, Forschungsbericht 2023; ZEW: Migration und

    fiskalische Bilanz, Mannheim 2022.
¹⁵ Sachverständigenrat Wirtschaft: Jahresgutachten 2023, Kapitel Migration.
¹⁶ Europäische Kommission: Labour Market Integration of Third-Country Nationals, Brüssel

    2024.
¹⁷ Sachverständigenrat Wirtschaft: Demografie und Sozialsysteme, Wiesbaden 2024.