· 

China 2025 - Eigentum aus Ordnung

Eigentum aus Ordnung

Die Logik der Mitte – Chinas konfuzianische Kapitalordnung

© Dr. Wrede & Partner / Gastautor


Sonnenaufgang über Shanghai | Dr. Wrede & Partner

Ordnung als Grundlage wirtschaftlicher Stabilität


Der chinesische Kapitalmarkt hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem zentralen Faktor der Weltökonomie entwickelt. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 10,7 Billionen US-Dollar (2025) steht China unmittelbar hinter den Vereinigten Staaten. Seine Dynamik erschließt sich nur aus der eigenen geistigen und kulturellen Ordnung.

In der westlichen Wirtschaftsgeschichte gilt Eigentum als Ursprung individueller Freiheit und marktwirtschaftlicher Selbststeuerung. In der chinesischen Denktradition entsteht Eigentum dagegen erst innerhalb einer sozialen Ordnung. Es gilt nicht als naturgegebenes Recht, sondern als moralisch gebundenes Privileg. Grundlage ist die konfuzianische Vorstellung, dass Hierarchie, Pflicht und Maßhaltung über der persönlichen Autonomie zu verorten sind.

Der Kapitalmarkt der Volksrepublik ist damit keine Nachahmung moderner westlicher Modelle, sondern eine Fortführung der konfuzianischen Staatsidee mit anderen Mitteln.


Staatliche Führung als Ausdruck sittlicher Verantwortung


Nach OECD-Daten (2024) befinden sich rund 60 Prozent der größten börsennotierten Unternehmen des Landes in staatlicher Mehrheitskontrolle. Diese Konzerne – etwa ICBC, Sinopec, PetroChina und China Mobile – prägen die zentralen Bereiche der nationalen Ökonomie.

Im konfuzianischen Verständnis trägt staatliche Autorität Verantwortung für das Gleichmaß des Ganzen. Eigentum bleibt zulässig, sofern es in diesen Zusammenhang eingefügt ist. Eingriffe in Märkte oder Unternehmenspolitik besitzen daher nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine moralische Bedeutung: Sie dienen der Wahrung des Maßes.

Die Erwartung staatlicher Unterstützung in Krisenzeiten ist folglich kein Zeichen von Marktverzerrung, sondern Ausdruck öffentlicher Fürsorge. Der Staat versteht sich als Hüter der Stabilität und als Garant der materiellen Grundlagen gesellschaftlicher Ordnung.


Familienunternehmen als Träger der ökonomischen Kultur


Neben dem Staatssektor hat sich in den letzten Jahrzehnten eine dichte Schicht großer Privatunternehmen gebildet. Diese Unternehmen sind überwiegend familiengeführt und weisen eine hohe Eigentumskonzentration auf. Im Median hält der größte Aktionär eines Unternehmens im CSI 300 rund 16,4 Prozent der Anteile, im S&P 500 liegt dieser Wert bei 9,5 Prozent.

Die innere Struktur dieser Unternehmen richtet sich nach genealogischen Prinzipien. Autorität wird nicht über Verträge, sondern über persönliche Bindung vermittelt. Loyalität gegenüber Familie und Vorfahren bildet den Kern der unternehmerischen Ethik. Das Unternehmen erscheint als Fortsetzung des eigenen Hauses, nicht als bloße Kapitalstruktur. 

Diese Ordnung erzeugt Kontinuität und Verantwortungsgefühl, kann jedoch auch zu konservativem Verhalten führen. Reinvestitionen treten hinter der Vermögenssicherung zurück, da der Fortbestand der Familie als höheres Ziel gilt. In der konfuzianischen Logik bedeutet wirtschaftliche Zurückhaltung somit nicht Schwäche, sondern Ausdruck sittlicher Selbstbegrenzung.


Kapitalzugang und gestufte Öffnung


Die Struktur des chinesischen Aktienmarkts folgt ebenfalls dem Prinzip abgestufter Verantwortung. Sie unterscheidet zwischen A-, B- und H-Aktien, die sich in Währung, Investorenkreis und Kontrollgrad unterscheiden.


Struktur der chinesischen Aktienmärkte (Stand 2025)

 

Aktientyp Börsenplatz Handelswährung Zugang / Investorenkreis Marktbedeutung
A-Aktien Shanghai, Shenzhen Renminbi (CNY) zunächst nur für Inländer; seit 2014 über Stock Connect auch für internationale Anleger ca. 85 % der gesamten Marktkapitalisierung des Festlands; Basis des CSI 300
B-Aktien Shanghai (USD), Shenzhen (HKD) Fremdwährungen (USD / HKD) überwiegend ausländische Investoren; geringe Liquidität weniger als 2 % Marktanteil; Relikt der frühen Öffnungsphase
H-Aktien Hong Kong Stock Exchange (HKEX) Hongkong-Dollar (HKD) international frei handelbar; kein Kapitalverkehrsverbot rund 5 Billionen US-Dollar Marktkapitalisierung; zentrale Schnittstelle zu globalem Kapital

Diese Marktstruktur schafft eine relative wirtschaftliche Offenheit, ohne dabei einen allgemeinen Kontrollverlust zu riskieren. Kapitalflüsse werden zugelassen, ihre Richtung bleibt jedoch staatlich steuerbar. Das System verkörpert die konfuzianische Vorstellung von Öffnung im Rahmen der Ordnung, das heißt einer Balance zwischen Vertrauen und Aufsicht.


Regulierung und Wiederherstellung des Maßes


Der staatliche Eingriff in den Technologiesektor 2021 gilt als Wendepunkt in der Beziehung zwischen politischer Führung und digitaler Wirtschaft. Der Abbruch des Börsengangs der Ant Group sowie Verfahren gegen Alibaba, Tencent und Didi führten zu einem vorübergehenden Verlust von rund 1,1 Billionen US-Dollar an Börsenwert. 

Die Maßnahme zielte gleichwohl nicht auf Zerstörung, sondern auf die Begrenzung privatwirtschaftlicher Machtstrukturen. Die drei Plattformunternehmen hatten begonnen, eine wirtschaftliche Eigenlogik zu entwickeln, die der staatlichen Kontrolle zu entgleiten drohte. In konfuzianischer Perspektive entsteht aus Ungebundenheit aber Unordnung. Der Eingriff stellte aus der chinesischen Binnenlogik heraus die Hierarchie zwischen politischer Verantwortung und ökonomischer Freiheit wieder her.


Reformen und institutionelle Präzision


Seit 2023 gilt ein registrierungsbasiertes System zur Börsenzulassung. Es ersetzt das frühere Genehmigungsverfahren durch Offenlegungspflichten und Qualitätskriterien. Im Jahr 2024 entfielen 42 Prozent aller Neuemissionen auf Unternehmen ohne Gewinnhistorie. Die Reform ermöglicht Innovationen, ohne dabei die Transparenzpflicht zu lockern. 

Zugleich schloss die Börsenaufsicht 86 Gesellschaften wegen unzureichender Berichterstattung vom Handel aus. Öffnung und Kontrolle werden damit nicht als Gegensätze verstanden, sondern als komplementäre Elemente einer geordneten Entwicklung.


Governance als Ausdruck moralischer Disziplin


Mit der Value-Up-Initiative hat die staatliche Aufsicht (SASAC) 2023 eine neue Form der Kapitaldisziplin eingeführt. Zentrale Staatsunternehmen sind seither verpflichtet, mindestens 30 Prozent ihres Nettogewinns auszuschütten. Zwischen 2020 und 2024 stieg die durchschnittliche Dividendenquote von 27 auf 36 Prozent, in den Schlüsselbranchen lag sie über 45 Prozent. Rückkäufe im Umfang von mehr als 250 Milliarden RMB ergänzen diese Politik. 

Diese Maßnahmen gehören nicht nur der moralischen, sondern ebenso der ökonomischen Rationalität an. Gewinnverwendung soll der öffentlichen Stabilität dienen. Das Kapital soll in Bewegung bleiben, um das Vertrauen in die Ordnung zu sichern. In Krisenphasen stützen staatliche Fonds wie Central Huijin und China Securities Finance Corporation die Märkte mit erheblichen Mittelzuflüssen (2024 über 400 Milliarden RMB). Der Staat bleibt Garant der Ordnung und damit der Funktionsfähigkeit.


Bewertung des Systems


Die Bewertungsrelationen verdeutlichen die innere Logik dieses Systems:

  • CSI 300 Forward P/E (2025 E) = 12,1 ×

  • S&P 500 Forward P/E = 21,6 ×

  • Dividendenrendite CSI 300 = 2,9 % gegenüber 1,4 % im S&P 500

  • CAPE CSI 300 ≈ 17 – 18 

Die Bewertungsdifferenz verweist auf den politischen Risikoaufschlag, der im Preis des Vertrauens bereits enthalten liegt. Sie zeigt, in welchem Maß Anleger dem institutionellen Rahmen Stabilität zutrauen und wie sie die Verlässlichkeit der Ordnung in ihre Kalkulation einbeziehen. Entscheidend ist nicht allein die Höhe des Gewinns, sondern die Sicherheit, mit der er innerhalb festgelegter Grenzen entsteht und bewahrt bleibt. Der Marktpreis enthält damit eine Prämie für Beständigkeit – eine ökonomische Übersetzung politischer Berechenbarkeit.

Diese Betrachtungsweise führt zu einem tieferliegenden Verständnis des Systems.  Der chinesische Kapitalmarkt misst nicht dem Tempo des Erfolgs, sondern seiner Dauer den Vorrang bei. Stabilität gilt nicht als Gegensatz von Dynamik, sondern als Bedingung ihrer Entfaltung. 

Die Kapitalarchitektur folgt diesem Grundsatz. Sie sucht das Gleichgewicht zwischen Bewegung und Maß, zwischen Anpassung und Kontinuität. In dieser Haltung wird ökonomisches Handeln zu einer Form sittlicher Disziplin. Es entspricht dem konfuzianischen Ideal des zhongyong – jener mittleren Haltung, die Dauer und Maß bewahrt, ohne den Fortschritt zu behindern.


Schlussfolgerung


Der chinesische Kapitalismus des Jahres 2025 verbindet moderne Finanzmechanismen mit einer sittlichen Tradition, die Eigentum als Verantwortung deutet. Der Staat erscheint in der Rolle des junzi, des moralisch Handelnden, der führt, indem er Maß hält. Privateigentum bleibt legitim, sofern es sich in den Rahmen der Ordnung fügt. 

Für Investoren bedeutet dies, dass Rendite nicht gegen den Staat, sondern nur im Einklang mit seiner Ordnung zu erzielen ist. Der Markt ordnet sich der Moral unter, nicht umgekehrt. Chinas Finanzsystem zeigt damit eine seltene Verbindung von Stabilität, Disziplin und kultureller Kontinuität.


Kommentiertes Literaturverzeichnis


Eigentum und Staat

  1. OECD (2024): Ownership and Governance of China’s State-Owned Enterprises. – Empirische Grundlage zur Eigentumsverteilung.

  2. Naughton, Barry (2023): The Rise of China’s Industrial Policy 2010–2025. Brookings Institution.

  3. SASAC (2024): SOE Profits, Share Value Prioritized. – Offizielle Mitteilung zur Value-Up-Initiative.

Familienunternehmen und Kontrolle

  1. World Bank (2023): Corporate Ownership in Emerging Asia. – Statistische Daten zur Eigentumskonzentration.

  2. Bian, L. (2023): Ownership Structure and Dividend Policy in Chinese Firms. Journal of Asian Economics 54.

  3. Fan, J. P. H. / Wong, T. J. (2022): Political Connections and Family Control in Chinese Listed Firms. Pacific-Basin Finance Journal 74.

Marktstruktur und Regulierung

  1. HKEX (2025): Stock Connect Factbook 2025. – Daten zu A-, B- und H-Aktien.

  2. CSRC (2024): Annual Report on Market Supervision. – Angaben zu IPO-Reformen und Delistings.

Eingriffe und Reformen

  1. Financial Times (2022): Beijing’s Tech Crackdown Wipes $1 Trillion Off Market Value. – Analyse des Eingriffs 2021.

  2. China Daily (2023): Post-Regulation Recovery in the Platform Economy.

Governance und Kapitaldisziplin

  1. State Street Global Advisors (2025): Value-Up Governance Arrives in China.

  2. ACGA (2025): Modernising the Corporate System with Chinese Characteristics.

Geistige und kulturelle Grundlagen  

  1. Tu Weiming (2010): Confucianism and Economic Culture in East Asia. Harvard Asia Center.

  2. Bell, Daniel A. (2015): The China Model: Political Meritocracy and the Limits of Democracy. Princeton University Press.

  3. Zhang Weiwei (2019): China’s Civilizational State. China CITIC Press.

  4. Elman, Benjamin A. (2022): Confucian Traditions and Modern Governance in China. Harvard Asia Center.

  5. Ramo, Joshua Cooper (2004): The Beijing Consensus. Foreign Policy Centre.


Text und Analyse: Dr. Wrede & Partner, Hamburg © 2025.
Veröffentlichung, Reproduktion oder Übernahme in elektronische Systeme nur mit Genehmigung des Autors.