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Wirtschaftsnobelpreis 2025

Die Kultur der Innovation

Eine Einordnung aus Sicht der Historischen Volkswirtschaftslehre


Wirtschaftsnobelpreis 2025 | Dr. Wrede & Partner

Über die Ordnung nachhaltiger Erneuerung


“The Industrial Revolution was preceded and enabled by a change in the culture of Europe — a culture that encouraged the accumulation, dissemination, and practical use of knowledge.”
— Joel Mokyr, A Culture of Growth (2016)


Wenn die diesjährigen Träger des Wirtschaftsnobelpreises vor die Aufgabe gestellt wären, aus der Vielfalt der Unternehmen unserer Zeit jene auszuwählen, die den Geist ihrer Forschung am deutlichsten verkörpern, so würden sie wohl in Meta, EssilorLuxottica, Nvidia, ASML und TSMC die lebendigsten Beispiele finden. In diesen Unternehmen verdichtet sich ein historische Bewegung, in der Erkenntnis sich zur Wahrnehmung, Wahrnehmung zur Gestaltung und Technik zur Anwendung des Wissens wandelt. Das Kapital wird hier nicht zum Selbstzweck, sondern zum Werkzeug geistiger Arbeit. Die Organisation gewinnt die Gestalt einer Erkenntnisform.

Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt, denen der Preis des Jahres 2025 verliehen wurde, stehen damit in einer Linie, die von Wilhelm Roscher über Joseph Schumpeter bis zu Douglass North und Amartya Sen reicht – einer Linie, die wirtschaftliche Entwicklung als Ausdruck geistiger und institutioneller Ordnung begreift. Sie vertreten sie Überzeugung, dass die Erneuerung einer Gesellschaft nicht aus der bloßen Verfügbarkeit von Kapital, sondern aus der gestaltenden Kraft des Wissens erwächst.

Mokyr hat in seinen historischen Studien gezeigt, dass die Industrielle Revolution nicht mit der Maschine begann, sondern mit der Wandlung des europäischen Geistes. Er beschrieb jene Ordnung, in der Wissen nicht mehr verborgen blieb, sondern in Umlauf kam, geprüft, vervielfältigt und handelbar wurde. Die Werkstatt wurde zum Ort des Lernens, der Markt zum Träger des Austauschs, und die Universität zur Instanz, welche das Wissen prüfte und ordnete. Diese Ordnung nannte er A Culture of Growth und verstand sie als geistige Organisation der Produktivität.

Aghion und Howitt gaben dieser historischen Erkenntnis die theoretische Gestalt. In ihrer Lehre vom endogenen Wachstum zeigen sie, dass Innovation nicht das Werk einzelner Genies bleibt, sondern aus der fortgesetzten Wechselwirkung von Institution, Wissen und Wettbewerb hervorgeht. Die Erneuerung entsteht dort, wo das Neue das Alte nicht zerstört, sondern wandelt, und der Markt sich zu einer Ordnung bildet, in der Irrtum als Bedingung des Lernens begriffen wird. In dieser Sicht lässt sich wirtschaftliches Wachstum nicht als Zustand verstehen, sondern als fortgesetzte Bewegung, in der Wissen, Erfahrung und Institution einander durchdringen. Es ist keine bloße Anhäufung von Mitteln, sondern ein geistiger Prozess, durch den Gesellschaften ihre eigene Gestalt fortbilden.

So verbindet der Preis des Jahres 2025 drei Strömungen der ökonomischen Wissenschaft: die historische, die theoretische und die moralische. Mokyr zeigt, dass jede Technik eine Kultur des Wissens voraussetzt; Aghion und Howitt machen deutlich, dass Institutionen diese Kultur tragen und formen; und beide Richtungen zusammen führen zu jener moralischen Einsicht, dass wirtschaftliche Erneuerung nur dort Bestand hat, wo Gesellschaften bereit sind, Wissen zu prüfen, Irrtum zuzulassen und Verantwortung zu übernehmen.

In dieser Deutung erscheint die Ökonomie als Wissenschaft der geistigen Selbstorganisation der Gesellschaft. Sie untersucht, wie sich Wissen in Institutionen verwandelt, wie sich Erfahrung in Ordnung und Ordnung in Handlung übersetzt. Ihre Sprache ist nicht die der Zahlen, sondern die der Formen. Denn Kapital wird nur dort wirksam, wo es vom Geist geleitet wird, und Wissen gewinnt nur dort Kraft, wo es in geregelte Bahnen tritt.

Erneuerung ist keine technische, sondern eine sittliche Kategorie. Sie misst sich nicht an der Geschwindigkeit des Wandels, sondern an der Fähigkeit, Wandel in Verantwortung zu überführen. Der Wirtschaftsnobelpreis 2025 erinnert daran, dass Innovation nicht bloß die Veränderung der Mittel, sondern die Bewahrung des Maßes inmitten des Wandels bedeutet. Er ruft ins Bewusstsein, dass die Zukunft der Wirtschaft nicht in der Anhäufung des Wissens liegt, sondern in der Weisheit seines Gebrauchs.

Die Aufgabe der Ökonomie bleibt, was sie im neunzehnten Jahrhundert schon war: das Studium jener Ordnung, in der Geist und Arbeit einander begegnen, um das Verhältnis von Wissen und Tat zu gestalten. Erst aus dieser Ordnung gewinnt die Maschine ihren Zweck, der Markt seine Grenze und die Erneuerung ihre Richtung. 


Nachsatz


Die modernen Vertreter dieser Denkrichtung – Mokyr, Aghion, Howitt, North, McCloskey, Sen, Mazzucato und Herrmann-Pillath – zeigen, dass Wohlstand nicht aus dem Überfluss, sondern der Form erwächst, in der Wissen Gestalt gewinnt und sich in Institutionen verwirklicht. Damit führen sie fort, was die klassische Ökonomie als ihre eigentliche Aufgabe verstand: die Deutung der Wirtschaft als kulturgeschichtliche Wissenschaft, in der Arbeit und Erkenntnis einander hervorbringen und im gemeinsamen Maß ihre Ordnung bewahren.