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KI: Mehr Leistung, weniger Miteinander

KI: Mehr Leistung, weniger Miteinander

Was Organisationen jetzt tun müssen



Einleitung: Das Problem im Hintergrund


Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt mit einer Geschwindigkeit, die frühere technische Umbrüche übertrifft.
Indem sie Prozesse automatisiert, Effizienz steigert und als aktiver Bestandteil in Teams integriert wird, verändert sie zugleich die Struktur der Zusammenarbeit.
Der nachweisbare Produktivitätszuwachs geht mit einer Verschiebung der inneren Ordnung einher.
Während die Leistung steigt, gerät das soziale Gefüge der Teams unter Druck.
Vertrauen, Abstimmung und gemeinsames Lernen verlieren an Gewicht, weil technische Systeme jene Funktionen übernehmen, die bisher durch menschliche Interaktion getragen wurden.
Damit entsteht ein funktionaler Umbau der Arbeit, der die kulturelle Stabilität vieler Organisationen unmittelbar betrifft.


1. Der Stand der Dinge


Nahezu alle Unternehmen investieren in Künstliche Intelligenz¹.
Gleichzeitig zeigen aktuelle Erhebungen, dass nur ein geringer Anteil organisatorisch und kulturell auf ihre Integration vorbereitet ist².
Die technische Infrastruktur ist vorhanden, doch es fehlt an Orientierung und an Führungsfähigkeit, um sie wirksam zu nutzen.

Laut der McKinsey-Studie The State of AI in 2023 erwarten 84 Prozent der Führungskräfte, dass KI nicht nur Prozesse, sondern auch die Teamkultur grundlegend verändern wird³.
Das World Economic Forum prognostiziert, dass bis 2030 etwa vierzig Prozent der heute zentralen Kompetenzen ersetzt oder neu definiert sein werden⁴.
Damit entsteht Handlungsdruck, der weit über technische Fragen hinausreicht und den inneren Zusammenhang von Leistung und Zusammenarbeit betrifft.


2. Drei Branchen - ein Muster


🔹 Industrie: Produktivität nimmt zu, Kommunikation nimmt ab

In der industriellen Fertigung verkürzen sogenannte Factory Agents die Trainingszeiten um bis zu vierzig Prozent und erhöhen gleichzeitig die Erstqualitätsrate um dreißig Prozent⁵.
Diese Systeme führen Beschäftigte durch Arbeitsprozesse, erkennen Fehler frühzeitig und schlagen individuelle Lernpfade vor.
Bereits 43 Prozent der Werke nutzen KI-gestützte Qualitätskontrolle⁵.

Viele erhöhen ihre Softwarebudgets um rund siebzig Prozent und erweitern ihre Engineering-Teams, um Daten- und Prozesskompetenz zu verbinden⁶.

 Mit der Effizienzsteigerung geht ein Rückgang des persönlichen Austauschs einher.
Übergaben werden automatisiert, Abstimmungen in Systeme verlagert und Gespräche reduziert.
Entscheidungen basieren zunehmend auf algorithmisch erzeugten Kennzahlen.
Die Systeme entfalten ihren Nutzen nur dann vollständig, wenn parallel der soziale Zusammenhang der Arbeit erhalten bleibt.

🔹 Gesundheitswesen: Entlastung entsteht, jedoch auf Kosten der Zusammenarbeit
In zahlreichen Kliniken steuern KI-Agenten heute ganze Patientenpfade von der Aufnahme bis zur Entlassung⁷.

Diagnosesysteme identifizieren Schlaganfälle oder Frakturen mit hoher Präzision, digitale Assistenten übernehmen Standardanfragen und entlasten das Personal.
Gleichzeitig nimmt der fachübergreifende Austausch ab.
Übergaben und Fallbesprechungen werden durch automatische Dokumentation ersetzt.
Der informelle Dialog zwischen Ärzten, Pflegekräften und Verwaltung verliert an Raum.

Neue Formate wie AI Clinical Councils, die medizinische, datentechnische und ethische Perspektiven verbinden, können dieser Entwicklung entgegenwirken.

🔹 Softwareentwicklung: KI als dritter Partner im Team

In der Softwareentwicklung ist der Einsatz von KI weit fortgeschritten.
Nahezu alle Entwicklerinnen und Entwickler nutzen Systeme wie GitHub Copilot⁸, die Routinetätigkeiten übernehmen, Code dokumentieren und Funktionen generieren.
Die Zeitersparnis ist erheblich, der Schwerpunkt verschiebt sich von der Ausführung zur Strukturarbeit.
Studien belegen jedoch Leistungseinbußen bei komplexen Aufgaben.
Eine Untersuchung des METR-Instituts zeigt, dass die Effektivität erfahrener Entwickler um bis zu neunzehn Prozent sinkt, wenn sie den Systemen zu stark vertrauen⁹.

Es besteht daher Bedarf an neuen Rollenprofilen, an klaren Regeln und an einer Kultur technischer Mündigkeit.


3. Auswirkungen von KI auf die Teamdynamik


Unabhängig von Branche und Reifegrad lassen sich drei zentrale Veränderungen beobachten, die den Kern der Zusammenarbeit betreffen.

3.1. Die Kommunikation wird seltener, aber stärker formalisiert
Ein wachsender Anteil der Abstimmungen erfolgt über Systeme, wodurch informelle Rückkopplung verloren geht.

3.2. Die Rollen verändern sich
KI übernimmt Routinen, analysiert Daten und bereitet Entscheidungen vor.
Das erfordert systemisches Denken, digitale Urteilskraft und Anpassungsfähigkeit.

3.3. Die Beiträge werden sichtbarer

Leistungen sind zunehmend messbar, vergleichbar und bewertbar.
Das kann Motivation fördern, erzeugt jedoch Druck, besonders dort, wo Bewertungsmaßstäbe unklar sind.

Diese Veränderungen greifen tief in die Kultur der Organisation ein. 

Wer sie nicht aktiv steuert, riskiert eine schrittweise Erosion von Vertrauen und Stabilität.


4. Handlungsbedarf für Organisationen


4.1. Die Führung als gestaltende Kraft etablieren

Die Einführung von KI ist kein technischer Vorgang, sondern ein Führungsprozess.

Sie verändert Rollen, Entscheidungswege und Verantwortung.
Erforderlich sind klare Zielbilder, verlässliche Kommunikation, realistisches Erwartungsmanagement und die Fähigkeit, Spannungen im Wandel aufzunehmen.
Orientierung ist keine Folge technischer Einführung, sondern deren Voraussetzung.

4.2. Ein neues Kompetenzprofil aufbauen und fördern
Mit dem Einsatz von KI ändern sich die Kompetenzanforderungen.
Fachwissen bleibt zentral, muss jedoch durch interdisziplinäre Zusammenarbeit, systemisches Verständnis und digitale Urteilskraft ergänzt werden.
Lernprozesse sollten praxisnah, kontinuierlich und teamorientiert gestaltet sein.

4.3. Die Einführung von KI schrittweise und mit klarer Zielsetzung gestalten
KI sollte nicht flächendeckend, sondern gestuft eingeführt werden.
Pilotprojekte mit klarer Zielsetzung, überprüfbaren Ergebnissen und verbindlicher Führungseinbindung ermöglichen eine kontrollierte Implementierung.
Technische Integration und kulturelle Anschlussfähigkeit müssen gemeinsam geplant werden.

4.4. Den Umgang mit wachsender Transparenz verantwortungsvoll regeln
KI erhöht die Sichtbarkeit individueller Beiträge.
Diese Transparenz stärkt einerseits die Nachvollziehbarkeit, erhöht aber auch den Vergleichsdruck.
Organisationen sollten frühzeitig festlegen, welche Leistungen erfasst, wie sie bewertet und welche Maßstäbe angelegt werden.
Ziel ist eine Kultur der Offenheit, die Leistung sichtbar macht, ohne sie zur Belastung werden zu lassen.

4.5. Die psychologische Sicherheit und den sozialen Zusammenhalt sichern

Technologische Veränderung erzeugt Unsicherheit.
Führung muss Vertrauen aufbauen, offene Kommunikationsräume schaffen und Verantwortung fördern.
Produktivität darf nicht durch innere Distanz erkauft werden.

Psychologische Sicherheit bildet das Fundament jeder nachhaltigen Leistungsfähigkeit.


5. Fazit: Fortschritt braucht Balance


Künstliche Intelligenz kann die Leistung von Teams erheblich steigern. Doch Leistung allein genügt nicht, wenn dabei das Zwischenmenschliche verloren geht. Eine zukunftsfähige Organisation muss beides im Blick behalten: die Effizienz in den Abläufen und die Verlässlichkeit im Miteinander.

Die Zukunft gehört nicht jenen, die schneller automatisieren, sondern denen, die technologische Effizienz mit kultureller Reife verbinden.


Quellen


  1. McKinsey & Company, The State of AI in 2023, September 2023.

  2. Ebd., S. 8.

  3. Ebd., Executive Summary, S. 6.

  4. World Economic Forum, The Future of Jobs Report 2023, Genf 2023, S. 12–13.

  5. Revalize, Industrial AI Adoption Report 2024, Kapitel 2.

  6. Ebd., Kapitel 3.

  7. PwC Health Research Institute, AI in Healthcare 2024; vgl. Journal of Medical Systems 48 (2024): 7.

  8. GitHub, The State of AI in Software Development 2024, S. 5.

  9. METR Institute, Measuring the Effect of AI Pair Programming on Productivity, 2024, S. 14.


Workshop


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