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Erich von Manstein: Verlorene Siege (1955)

Führung gegen die Lage

Warum Deutschland den Zweiten Weltkrieg verlor?


Erich von Manstein: Verlorene Siege (1955) | Dr. Wrede & Partner

Als Erich von Manstein 1955 seine Erinnerungen unter dem Titel Verlorene Siege veröffentlichte, legte er nicht bloß einen militärischen Rückblick vor. Das Buch enthielt zugleich eine Erklärung dafür, warum Deutschland den Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Mansteins Antwort lautete: Die Niederlage sei aus dem Zusammenwirken einer fehlerhaften politischen Führung, schwerer operativer Fehlentscheidungen und der wachsenden materiellen Überlegenheit der Gegner entstanden.

Im Mittelpunkt seiner Darstellung stand Hitler. Nach Mansteins Auffassung hatte dieser die militärische Führung zunehmend entmachtet. Operative Entscheidungen seien nicht mehr nach den Grundsätzen professioneller Generalstabsarbeit getroffen worden, sondern nach politischen Vorstellungen, persönlichen Eingebungen und einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber den Generälen. Hitler habe den Oberbefehl über das Heer an sich gezogen, ohne über die dafür notwendige militärische Urteilsfähigkeit zu verfügen. Zugleich habe er fachlichen Rat zurückgewiesen und damit jene Führung geschwächt, die nach Mansteins Verständnis für die operative Kriegführung verantwortlich sein musste.

Ein zweiter Grund lag für Manstein im Verlust des strategischen Schwerpunktes. Deutschland habe seine Kräfte nicht auf ein entscheidendes Ziel konzentriert, sondern mehrere Ziele zugleich verfolgt. Politische, wirtschaftliche und militärische Absichten seien miteinander vermischt worden. Besonders im Krieg gegen die Sowjetunion habe Hitler zwischen der Eroberung von Rohstoffgebieten, der Einnahme politisch bedeutsamer Städte und der Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte geschwankt. Aus dieser Unentschlossenheit sei eine Verzettelung der Kräfte entstanden, welche die deutsche Operationsführung ihrer Entscheidungsfähigkeit beraubt habe.

Den dritten Grund sah Manstein in Hitlers starrem Festhalten an eroberten Räumen. Rückzüge seien häufig selbst dann untersagt worden, wenn sie operativ geboten gewesen wären. Dadurch hätten Verbände ihre Bewegungsfreiheit verloren, seien eingeschlossen, abgenutzt oder vernichtet worden. Manstein setzte dem die Vorstellung einer beweglichen Kriegführung entgegen. Raum sollte preisgegeben werden können, wenn dadurch Kräfte erhalten, gegnerische Verbände überdehnt und neue operative Möglichkeiten geschaffen wurden. Gerade an der Ostfront glaubte er, dass eine solche bewegliche Verteidigung einzelne Niederlagen hätte vermeiden und den Gegner stärker hätte abnutzen können.

Schließlich erkannte auch Manstein die materielle und zahlenmäßige Überlegenheit der Gegner an. Die Sowjetunion verfügte über große Menschenreserven, während die Vereinigten Staaten ihre industrielle Leistungsfähigkeit in ein gewaltiges Rüstungsprogramm überführten. Deutschland geriet damit in einen Krieg, in dem seine wirtschaftlichen und personellen Möglichkeiten auf Dauer nicht ausreichten. Für Manstein war diese Übermacht jedoch nicht die alleinige Ursache der Niederlage. Sie wurde nach seiner Darstellung erst deshalb entscheidend, weil Hitler die vorhandenen deutschen Kräfte falsch einsetzte und operative Möglichkeiten ungenutzt ließ.

Schon der Titel Verlorene Siege enthält deshalb die zentrale These des Buches. Manstein behauptete nicht, Deutschland hätte jeder Niederlage entgehen können. Er wollte vielmehr zeigen, dass militärische Erfolge möglich gewesen seien, die durch Hitlers Eingriffe, durch die fehlende Schwerpunktbildung und durch das starre Festhalten am Raum verspielt wurden.

 

Diese Darstellung gilt heute als stark apologetisch. Manstein trennt die angeblich sachkundige Operationsführung der Generalität von Hitlers Kriegführung. Dadurch erscheint die Wehrmachtführung vor allem als fachlich kompetente Instanz, deren mögliche Erfolge durch die Eingriffe des Diktators verhindert worden seien. Weder die Mitverantwortung der militärischen Führung für die deutsche Gesamtstrategie noch ihre Beteiligung am Charakter des Vernichtungs- und Besatzungskrieges werden angemessen behandelt. Verlorene Siege ist deshalb sowohl eine militärische Analyse der deutschen Niederlage als auch ein Versuch, die Verantwortung der Generalität zu begrenzen und auf Hitler zu verlagern.