· 

Die Jagd über das Kurische Haff

Die große Schlittenfahrt

Der Winterfeldzug des Großen Kurfürsten 1678/79


Die Jagd über das Kurische Haff | Dr. Wrede & Partner

Der Winter des Jahres 1678 hatte früh eingesetzt. Schnee lag auf den Wegen Ostpreußens, die Flüsse waren zugefroren, die Entfernungen groß, der Verkehr langsam. Mit dem Winter änderte sich der Krieg. Die Versorgung verlangsamte sich, der Nachrichtenverkehr stockte, die Entscheidungen wurden vertagt. Der Krieg folgte dem Rhythmus der Jahreszeiten. Die Heere stellten ihre Bewegungen ein, bezogen Quartiere und warteten.

Auf dieser Doktrin beruhte das schwedische Vorgehen im Osten.

Als schwedische Truppen im Spätherbst in das Herzogtum Preußen eingedrungen waren, geschah dies unter Bedingungen, die ihnen günstig erschienen. Die Hauptkräfte Brandenburg-Preußens standen im Westen. Die östlichen Landesteile waren weitläufig, noch dünn erschlossen und schwer zu verteidigen. Die Schweden bezogen Quartiere in und um Tilsit, Insterburg und Labiau sowie entlang des Kurischen Haffs. Ihre Gesamtstärke lag bei etwa vierzehn- bis sechzehntausend Mann, verteilt auf Garnisonen, Sicherungsräume und Winterlager. Man rechnete mit Monaten der Ruhe.

In Berlin rechnete man anders.

Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg, kannte den Krieg nicht aus Büchern. Er hatte den Dreißigjährigen Krieg als Jugendlicher erlebt und gesehen, wie rasch die Ordnung zerfiel, wenn die Führung zögerte und die dringenden Entscheidungen aufgeschoben wurden. Vor allem aber hatte er im Sommer des Jahres 1675 bei Fehrbellin die schwedische Armee geschlagen. Dort hatte er die Entscheidung gesucht und mit einem entschlossenen Angriff und umsichtiger Führung einen Sieg herbeigeführt, der dem brandenburgischen Heer viel Selbstvertrauen gegeben hatte. 

Wo bei Fehrbellin die Entscheidung in der offenen Feldschlacht erzwungen worden war, verlangte der Winterfeldzug eine andere Form militärischer Führung.

Der Kurfürst ließ die Lage prüfen. Er ließ berichten, wo die schwedischen Kräfte lagen, wie ihre Versorgung organisiert war und wie lange ihre Meldungen benötigten. Er erkannte, dass eine in Winterquartieren liegende Armee nur eingeschränkt beweglich war. Ihre Verbände lagen getrennt, ihre Vorräte waren ortsgebunden, ihre Reaktionsfähigkeit begrenzt. Wer unter diesen Umständen Truppen in Bewegung setzen konnte, agierte, bevor der Gegner reagieren konnte. Er gewann an Geschwindigkeit und den Vorteil der Initiative.

Die Entscheidung folgte nüchterner Planung.

Friedrich Wilhelm ordnete eine Operation an, die sich den winterlichen Verhältnissen anpasste. Die Wagen ließ er zurück. Stattdessen ließ er Schlitten zusammentragen. Die Bauern aus der Mark Brandenburg und aus Preußen wurden verpflichtet, ihre Winterfahrzeuge bereitzustellen. Die Pferde erhielten Beschläge, die auf dem Eis Halt fanden. Die Marschwege über gefrorene Flüsse und über das Kurische Haff wurden erkundet und gesichert. Eine ausgewählte Streitmacht von etwa fünfzehntausend Mann, überwiegend erfahrene Soldaten, wurde zusammengezogen.

Am 23. Dezember 1678 setzte sich das Heer in Bewegung. Über verschneite Ebenen, durch vereiste Wälder und über gefrorene Wasserflächen rückten die Kolonnen ostwärts vor. Das Eis trug die Menschen, Tiere und Geschütze. Wo unter anderen Umständen Hindernisse im Weg gelegen hätten, öffneten sich nun tragfähige Wege. Die Marschleistungen übertrafen das Übliche deutlich. In achtzehn Tagen legte das Heer rund fünfhundert Kilometer zurück, im Durchschnitt nahezu dreißig Kilometer täglich. Der Winter veränderte die Bedingungen des Krieges.

Die Wirkung auf den Gegner ließ nicht lange auf sich warten. In den schwedischen Quartieren hatte man nicht mit einem Angriff gerechnet. Erste Meldungen über herannahende feindliche Truppen wurden als Gerüchte abgetan, da sie der gewohnten Kriegführung widersprachen. Eine Armee, die im Januar auf Schlitten über Eis und Schnee vorrückte, entzog sich den Erwartungen der schwedischen Befehlshaber. Als die Vorposten fielen, die Verbindungen unterbrochen und einzelne Garnisonen voneinander abgeschnitten wurden, setzte Unruhe ein.

Friedrich Wilhelm suchte aber keine große Entscheidungsschlacht.

Er ließ die Straßen sperren, die Versorgung unterbrechen und die Bewegungsräume einengen. Die schwedischen Verbände verloren ihre Kohäsion. Hunger, Kälte und Krankheit wirkten dort, wo kein offener Zusammenstoß erzwungen werden musste. Der Kurfürst ließ warten, wo der Gegner unruhig wurde, und ließ vorgehen, wo sich ihm Gelegenheit bot. Schritt für Schritt lösten sich die schwedischen Stellungen auf.

Bis zum Februar 1679 war die schwedische Besatzung Ostpreußens zusammengebrochen. Die Garnisonen waren geräumt, die Verbände abgezogen oder aufgelöst, die landesherrliche Ordnung wiederhergestellt. Die Bevölkerung war der fremden Truppen ledig. Ostpreußen war befreit.

Der Erfolg des Winterfeldzuges beruhte auf der Fähigkeit der Führung, Bewegung herzustellen, wo sie nicht erwartet worden war. Wer Wege fand, während andere warteten, bestimmte die Bedingungen des Feldzuges. Fragen der Versorgung, Marschordnung und Zeitdisziplin rückten in den Mittelpunkt der militärischen Planung.

Diese Erfahrung wirkte fort. Spätere Generationen griffen sie auf, als sich die Bedingungen der Kriegführung veränderten. Friedrich II. führte seine Heere mit einem ausgeprägten Sinn für Zeit, Marschordnung und rasche Konzentration der Kräfte. Gerhard von Scharnhorst richtete Ausbildung und Führung auf die Fähigkeit aus, Bewegung herzustellen, bevor der Gegner handeln konnte. Carl von Clausewitz gab diesem Zusammenhang seine begriffliche Klarheit, indem er den Faktor Zeit und das Ringen um die Initiative in das Zentrum der Kriegführung stellte. Als sich die technischen Voraussetzungen änderten, übertrug Helmuth von Moltke den Grundsatz der Bewegung auf das Zeitalter der Eisenbahn. Der schnelle Aufmarsch und die Ordnung der Marschwege entschieden über den Verlauf der Feldzüge. Unter veränderten Bedingungen führte Heinz Guderian denselben Gedanken weiter, indem motorisierte Panzerverbände Tiefe und Geschwindigkeit verbanden. Die Mittel wandelten sich. Der Grundsatz blieb.