Bill Gates: Die Lernmaschine
Die Selbstprogrammierung einer Persönlichkeit

Das Elternhaus
Bill Gates wurde 1955 in Seattle geboren, in ein Elternhaus, das Anspruch und Förderung verband. Sein Vater, William H. Gates Sr., war ein angesehener Anwalt und Philanthrop. Seine Mutter, Mary Maxwell Gates, war Lehrerin, später in Bank- und Unternehmensvorständen aktiv und spielte eine prägende Rolle im Non-Profit-Bereich. Dieses Umfeld aus Bildung, Leistungsorientierung und bürgerlichem Pflichtbewusstsein gab Gates die Grundlage, Risiken einzugehen und dennoch Rückhalt zu haben.
Kindheit und Schule
Seine Mutter hielt ihn von klein auf dazu an, Wissen zu sammeln und zu ordnen. Familienurlaube bedeuteten für ihn nicht Müßiggang, sondern Schreibarbeit. Jeden Tag mussten er und seine Schwester zwei Seiten Reisetagebuch verfassen, und zwar nicht frei, sondern nach sieben Kategorien: Landschaftsformen, Wetter, Bevölkerungsverteilung, Landnutzung, Produkte, historische Stätten und schließlich eine Rubrik „Verschiedenes“. Wer so groß wird, lernt früh, Beobachtungen nicht nur festzuhalten, sondern sie in ein System zu bringen.
Auch die Lektüre hatte einen pädagogischen Zweck. Die Großmutter las aus dem Roman über das Rennpferd Man o’ War, ein Tier, das alle Rekorde brach. Den Kindern wurde schnell klar, dass die Mutter einen ähnlichen Anspruch an sie stellte. Leistung war kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von Zucht, Disziplin und Beharrlichkeit.
Dieser Drang führte bald zu außergewöhnlichen Ergebnissen. Seine Schulklasse sollte einen US-Bundesstaat vorstellen. Die meisten Schüler schrieben zehn Seiten, Bill Gates lieferte 177. Er schrieb nicht nur aus Büchern ab, sondern bat den Bundesstaat Delaware um Broschüren, kontaktierte Unternehmen und forderte Geschäftsberichte an. Seine Arbeit war gebunden in Holz – keine Schülerarbeit mehr, sondern ein Vorgriff auf das wissenschaftliche Arbeiten.
Nachts lag er im Bett und dachte über Phänomene nach, die andere Kinder kaum beschäftigten. Wie gelangt der Klang eines Motors ins Ohr? Wie überträgt sich das Rascheln der Blätter? Solche Fragen führten ihn in die Welt der Physik, die Antworten fand er in Büchern. Das Ergebnis waren Referate wie „Was ist Schall?“. Lernen bedeutete für ihn nicht Pauken, sondern Weltaneignung.
Um nicht als Streber zu gelten, entwickelte er sein eigenes Täuschungsmanöver. Er lieh jedes Buch doppelt aus – eines für zu Hause, eines für die Schule. Mitschüler sahen nur, dass er in der Schule scheinbar mühelos ein Buch las. In Wirklichkeit hatte er den Stoff längst doppelt durchgearbeitet. Sein Ziel war nicht, als der Fleißige zu erscheinen, sondern der Überlegene.
Der Rebell
Ein solcher Wissensdrang machte ihn nicht zum Musterschüler. Gates war streitsüchtig, widersprach Eltern und Lehrern, provozierte und polterte. Schließlich schickten ihn die Eltern in Therapie. Der Therapeut hörte ihn an und sagte nur einen Satz: „Du wirst gewinnen.“ Für Gates war das keine Diagnose, sondern ein Lebensprogramm.
Harvard: Der Joker
1973 trat er in Harvard ein, mit einem SAT-Score von 1590 Punkten (ein nahezu perfektes Ergebnis in dem US-Studieneignungstest mit 1600 möglichen Punkten). Er entschied sich für angewandte Mathematik nicht aus Leidenschaft, sondern weil dieses Fach ihm erlaubte, sich in beliebige andere Kurse einzuschreiben. Er belegte Linguistik, Wirtschaft, Strafjustiz, britische Geschichte – alles, was seine Neugier reizte. Er bezeichnete sich selbst als Allesfresser von Information.
Die Pose blieb dieselbe wie in der Schule: öffentlich der Mühelose, privat der Besessene. Er studierte nachts, las im Akkord, tat tagsüber so, als flöge ihm alles zu. Harvard war für ihn kein Elfenbeinturm, sondern ein Experimentierfeld.
Von Harvard zu Microsoft
Dann der Altair. Während Kommilitonen noch staunten, roch Gates das Geschäft. Gemeinsam mit Paul Allen schrieb er BASIC, gründete 1975 Microsoft. Offiziell Student, tatsächlich schon Unternehmer.
Der Vorläufer war Traf-O-Data, ein Projekt zur Auswertung von Verkehrsdaten. Finanziell ein Reinfall, technisch ein Gewinn. Gates lernte: Auch das Scheitern ist ein Lehrmeister, wenn man es in Erfahrung umwandelt. Microsoft wuchs in den ersten Jahren nicht durch Marketing, sondern durch die Überlegenheit des Codes.
Die Anfänge des Imperiums
Was als Studentenprojekt begann, wurde rasch zur Keimzelle eines Unternehmens, das die Computerwelt dominieren sollte. Gates erkannte, dass Software das eigentliche Kapital war – und verhielt sich entsprechend: kompromisslos, rastlos, strategisch.
Führung durch Reibung
Gates’ Führungsstil war hart, oft verletzend. Er unterbrach Mitarbeiter mitten im Satz, nannte Vorschläge „das Dümmste, was ich je gehört habe“, nur um am nächsten Tag zu verkünden, dass genau dieser Vorschlag brillant sei. Er suchte nicht Zustimmung, sondern Reibung – weil aus Widerspruch das bessere Produkt entsteht.
Wettbewerb als Lebensform
Alles fügte sich in ein Muster. Die Tagebücher wurden zur Fähigkeit, Geschäftsberichte und technische Unterlagen in sich hineinzuziehen. Die Grübeleien über Schall wurden zu Algorithmen, über die er Nächte wachte. Die 177 Seiten über Delaware waren die Ouvertüre für Milliarden Zeilen Code.
Gates’ zentrale Frage: „Was braucht es, um zwanzig Prozent besser zu sein als alle anderen?“ Seine Antwort: tägliche Steigerung, unermüdliche Wiederholung, die bewusste Kultivierung der eigenen Besessenheit.
Die Logik des Erfolgs
Bill Gates’ Karriere zeigt, dass außergewöhnlicher Erfolg nicht auf Zufall oder plötzliche Eingebung zurückgeht, sondern auf eine Haltung. Lernen war für ihn Lebensform, Wettbewerb Charakterprinzip. Was in Kindheit und Schule begann – systematisches Beobachten, Beharrlichkeit, geistige Disziplin – setzte er in Studium und Unternehmertum fort und formte Microsoft.
Er ist eine Persönlichkeit, die sich selbst konsequent neu programmiert: lernen, strukturieren, wiederholen, übertreffen.
Quellenverzeichnis
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Deutsch: Gates – Der Weg an die Spitze. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 1994. -
Gates, Bill: The Road Ahead. New York: Viking Penguin, 1995.
Deutsch: Der Weg nach vorn. München: Droemer Knaur, 1996. -
Gates, Bill / Hemingway, Collins: Business @ the Speed of Thought: Succeeding in the Digital Economy. New York: Warner Books, 1999.
Deutsch: Business @ the Speed of Thought. Die Zukunft der Wirtschaft im Informationszeitalter. München: Goldmann, 2000. -
Gates, Bill: Source Code: My Beginnings. New York: Knopf, 2024.
Deutsch: Source Code. Meine Anfänge. München: Piper, 2025. -
Manes, Stephen / Andrews, Paul: Gates: How Microsoft’s Mogul Reinvented an Industry. New York: Doubleday, 1993.
Deutsch: Mr. Microsoft. Bill Gates – Der Weg an die Spitze. Frankfurt a. M.: Campus, 1993. -
Wallace, James / Erickson, Jim: Hard Drive: Bill Gates and the Making of the Microsoft Empire. New York: HarperBusiness, 1992.
Deutsch: Hard Drive. Bill Gates und die Entstehung des Microsoft-Imperiums. Frankfurt a. M.: Campus Verlag, 1993. -
Zachary, G. Pascal: Showstopper! The Breakneck Race to Create Windows NT and the Next Generation at Microsoft. New York: Free Press, 1994.
(Keine deutsche Übersetzung verfügbar.) -
Isaacson, Walter: The Innovators: How a Group of Hackers, Geniuses, and Geeks Created the Digital Revolution. New York: Simon & Schuster, 2014.
Deutsch: Die Innovatoren: Wie eine Gruppe von Hackern, Genies und Geeks die digitale Revolution entfachte. München: Propyläen, 2014. -
Allen, Paul: Idea Man: A Memoir by the Co-Founder of Microsoft. New York: Portfolio, 2011.
Deutsch: Idea Man: Die Autobiografie des Microsoft-Mitgründers. München: FinanzBuch Verlag, 2011.